Forschungsthemen

Die Wortfolge Sie ist nun sicher. Ihr Nachbar hat eine Pistole gekauft hat eine Bedeutungsoption (ihr kann nichts passieren), die Sie ist nun sicher, ihr Nachbar hat eine Pistole gekauft nicht hat. Dies hängt offensichtlich damit zusammen, dass das erste Beispiel aus zwei Sätzen besteht, während das zweite nur einen komplexen Satz enthält. Dieser Unterschied wird durch die Orthographie gekennzeichnet, aber auch beim Sprechen wird er markiert. Während im ersten Beispiel der Ton auf sicher abfällt und danach wieder steigt, wird das zweite Beispiel in einem Tonverlauf gesprochen. Die Integration eines Satzes in einen anderen hat also nicht nur gravierende Auswirkungen auf die Semantik, sondern auch auf die Prosodie.

Integration kann z.B. durch dass lexikalisch gekennzeichnet werden: Sie ist sich sicher, dass er eine Pistole gekauft hat. Diese Variante erlaubt andere Stellungen als die oben betrachtete: Sie ist sich, dass er eine Pistole gekauft hat, inzwischen sicher ist möglich, aber Sie ist sich, er hat eine Pistole gekauft, inzwischen sicher ist es nicht. Dies weist darauf hin, dass es Grade der Integration gibt. Ein dass-Satz ist stärker in den Hauptsatz integriert (und darf deshalb innerhalb von diesem auftreten) als ein abhängiger Satz, der lexikalisch nicht als solcher gekennzeichnet ist. Dass weitere Abstufungen von Integration anzunehmen sind, zeigt der Kontrast zwischen Sie hat gesehen, dass er eine Pistole gekauft hat und Sie hat ihn eine Pistole kaufen sehen. Das zweite Beispiel, nicht aber das erste, kann nur bedeuten, dass sie tatsächlich gesehen hat, dass er eine Pistole kaufte, d.h. das 'Zusehen'-Ereignis bildet mit dem 'Kaufen'-Ereignis ein komplexes Ereignis. Diese stärkere semantische Integration wird durch die Infinitiv-Form markiert und zeigt sich wiederum in den Stellungsoptionen. Der Nebensatz kann den Kernbereich des Hauptsatzes nicht verlassen: Sie hat gesehen, ihn eine Pistole kaufen ist ungrammatisch.

Dass ein und derselbe Satztyp unterschiedliche Grade der Integration aufweisen kann, lässt sich an Relativsätzen feststellen: nicht-restriktive Relativsätze, Verbzweit-Relativsätze und restriktive Relativsätze zeigen zunehmende Integration bezüglich verschiedener Beschreibungsebenen. Bei den Beschreibungsebenen ist auch die Diskursebene zu berücksichtigen. Dies erkennt man leicht an der Präsentativkonstruktion: Es sang einmal ein Junge erzwingt eine Weiterführung, in der über den Jungen die Rede ist, und induziert damit eine Diskurseinheit. Hingegen drückt eine Wendung wie so weit, so gut eine Abgrenzung zum Folgesatz aus.

Unser Forschungsvorhaben untersucht an ausgewählten Konstruktionen aus Bantusprachen, Kreolsprachen und germanischen Sprachen die formalen Markierungen, die unterschiedliche Grade der Integration bezüglich der phonologischen, syntaktischen und/oder semantischen Form bzw. Diskursstruktur anzeigen. Ein spezielles Augenmerk gilt dabei auch dem Phänomen von "Mismatch": eine sprachliche Konstruktion zeigt Integration bezüglich einer linguistischen Beschreibungsebene, Desintegration bezüglich einer anderen. Einige zentrale Themen des Programmbereichs sind die folgenden:

 

  • die (tatsächliche oder fehlende) Korrelation zwischen phonologischer, syntaktischer und semantischer Integration verschiedener Relativsatzformen und Cleft-Sätze;
  • die Integration verschiedener Typen von abhängigen Verb-zweit-Sätzen und bestimmter Adverbialsätze; diese sind eingebettet, bewahren aber semantisch/pragmatisch (relative) Selbständigkeit; die Integrationseffekte serieller Verbkonstruktionen in Kreolsprachen, die das gegenteilige Problem aufwerfen: sie bewirken hohe semantische Integration bei syntaktischer Selbständigkeit der abhängigen Elemente
  • Integrationeffekte unterschiedlicher Platzierungen vollständiger Argument- und Adverbialsätze; die Integration verschlankter satzhafter Strukturen im Gastgebersatz;
  • der Beitrag des Expletivs zu den Integrationseigenschaften von Präsentativkonstruktionen oder Clefts und von abhängigen Sätzen mit Korrelat.

 

Die Relevanz unserer Forschung für die Theorienbildung in der Phonologie ergibt sich zum einen aus unserer Fragestellung, ob sich Algorithmen der prosodischen Phrasierung lediglich auf syntaktische Konstituentenränder beziehen oder ob es Phrasierungen sensitiv zum Grad der Integration gibt, und zum anderen aus unser Frage nach der Anzahl syntaxabhängiger Ebenen innerhalb der prosodischen Hierarchie. Für die Theoriebildung in der Syntax kann unsere Forschung Erkenntnisse zur Feinstruktur der Satzdomänen und zur Theorie expletiver Elemente beisteuern. Für die Semantiktheorie und die Diskurstheorie wollen wir einen Beitrag zur Erklärung der semantischen und diskursstrukturellen Natur der Einbettung, der Selbständigkeit und deren Mischformen liefern.







Förderung

Förderzeitraum

2014-2019

Koordination

Dr. Werner Frey & Prof. Dr. Hubert Truckenbrodt