Forschungsthemen

Sprechen und Verstehen findet in Echtzeit statt. Psycholinguistische Studien und computerlinguistische Modellierungen gehen zudem davon aus, dass diese Prozesse inkrementell ablaufen, d.h. einige sprachliche Bausteine werden bereits ausgesprochen, während andere noch in der Planung sind, und sie werden auch schon interpretiert, bevor die vollständige Äußerung vorliegt.

Die sprachliche Kompetenz, die diesen Prozessen zugrundeliegt, wird normalerweise als Grammatik bezeichnet und die bisher erfolgreichsten Grammatiktheorien abstrahieren von der zeitlich-inkrementellen Dimension. Das hat dazu geführt, dass sich die Annahmen über sprachliche Strukturen und ihre Interpretation in Psycho- und Computerlinguistik oft deutlich von denen in der Grammatiktheorie unterscheiden.

Unser Interesse gilt nun neueren Versuchen, diese Kluft dadurch zu überbrücken, dass auch die Grammatiktheorie mit einer inkrementellen Komponente ausgestattet wird. Inspiriert ist dies vor allem durch Erfolge in der dynamischen Semantik (Kamp) bei der Behandlung anaphorischer Bezüge. Hierbei ist nämlich die zeitliche Abfolge von Bedeutung, wie der Unterschied bei der Auflösung des Pronomens er in (a) und (b) zeigt:

a. Ein Mann ging durch den Park. Er pfiff ein Lied.

b. Er ging durch den Park. Ein Mann pfiff ein Lied.

Eine zweite Inspirationsquelle sind Abfolgeasymmetrien (Kayne), wie sie z. B. bei der Fragesatzbildung auftreten. Wenn nämlich hierbei Fragewörter an den Satzrand umgestellt werden müssen, so betrifft dies in den meisten bekannten Sprachen den Satzanfang, wie in (c) und (d) für das Deutsche gezeigt.

c. Ich habe einen Kollegen getroffen.

d. Wen hast Du getroffen?

Ziel unserer Arbeit ist einerseits, mit formal-theoretischen Mitteln die gegenwärtig noch sehr heterogenen und programmatischen Ansätze inkrementeller Grammatiktheorien zu analysieren, zu vereinheitlichen und zu verbessern. Andererseits werden wir ihre Leistungsfähigkeit empirisch überprüfen, indem wir sprachvergleichend die Form und Funktion von Satzrändern bei der Auszeichnung von Satztypen (Frage-, Aussage-, Befehlssatz) untersuchen. Besonders relevant ist hier der Vergleich von germanischen Sprachen, wo der Satzanfang, wie oben gesehen, besonders wichtig erscheint, und asiatischen Sprachen wie Japanisch und Koreanisch, wo Partikel zur Anzeige des Satztyps am Satzende auftauchen.







Förderung

Förderzeitraum

2008-2013

Koordination

Dr. habil. Hans-Martin Gärtner