Kernbereich

Generelles Arbeitsprogramm

Mit dem Programm für die Jahre 2008 – 2013 setzt das ZAS die Arbeit der ersten zwölf Jahre fort, bündelt aber die Projekte zu größeren Arbeitsfeldern und fokussiert sie erstmals auf eine gemeinsame Fragestellung, nämlich: Aus welchen sprachlichen Operationen resultiert die Komplexität der menschlichen Sprachen im Vergleich zu anderen Signalsystemen, die wir auf allen Ebenen, von der lautlichen Gestalt bis zum Aufbau von Diskursen, vorfinden? Und wie drücken sich diese Operationen auf den unterschiedlichen Strukturebenen aus?

Wir gehen dabei davon aus, dass linguistische Komplexität auf zwei grundsätzlich verschiedenen Verfahrenstypen beruht, nämlich auf der symmetrischen Verknüpfung von Konstituenten, A+B und der asymmetrischen Einbettung (Unterordnung) einer Konstituente in eine andere, A[B], wobei sich in beiden Fällen die Frage stellt, ob und wie die dadurch entstehenden Konstituentengrenzen markiert werden. Die beiden Operationen lassen sich am besten mit syntaktischen Beispielen illustrieren. In dem Satz [Es gongte] und [Eva hörte es] sind zwei Teilsätze symmetrisch koordiniert, in [Eva hörte, [dass es gongte]] hingegen ist ein Satz in einen anderen eingebettet; im Kontrast dazu liegt in Eva hörte es gongen ein Ausdruck ohne innere Satzgrenze vor.

Die beiden Verfahren kommen, in jeweils unterschiedlicher Gewichtung, auf allen systematisch zu unterscheidenden Ebenen der sprachlichen Beschreibung vor, wobei unterordnende Operationen eher auf höheren Strukturebenen zu finden sind. So weist die Lautstruktur in der sequentiellen Anordnung von Phonemen lineare Verknüpfungen auf (z.B. Gong: g+ɔ+ŋ), in der Bildung von Silben zeigen sich aber bereits hierarchische Strukturen (z.B. Ansatz-Reim, g[ɔŋ]). Auch in der Prosodie herrschen Nebenordnungen von prosodischen Phrasen vor, etwa in der prosodischen Gliederung des Satzes [der GONG] [ist LAUT]. In bestimmten Fällen aber spielen Unterordnungen eine Rolle, etwa in der Prosodie des Ausdrucks [[[den GONG] ertönen] hören]. In der Morphologie finden wir verknüpfende Verbindungen eher selten, etwa bei Kopulativkomposita wie schwarz-weiß. Vorwiegend liegen hier unterordnende Strukturen vor, etwa bei Determinativkomposita wie Tempelgong mit der Struktur (Tempel)gong oder bei Derivationen wie z.B. (Kind)chen. Die Syntax ist, wie bereits erwähnt, weitgehend von einbettenden Operationen bestimmt, daneben gibt es aber durchaus Verknüpfungen, nämlich bei Koordinationen: (Gong und Trommel) ertönen. Die unterordnenden Strukturen spiegeln semantische Verhältnisse wieder; so füllt in Eva hörte (dass es gongte) der eingebettete Satz eine Leerstelle des einbettenden Satzes.

In der Syntax finden wir ferner das Phänomen der Verschiebung oder Bewegung, indem Konstituenten an verschiedener Stelle erscheinen können, etwa in der Gong ist laut vs. Laut ist der Gong, wobei die Natur dieser Bewegungen dadurch beeinflusst wird, ob die bewegte Konstituente eingebettet oder nebengeordnet (adjungiert) wird. Es ist ferner bekannt, dass einzelne Sprachen und Sprachausprägungen wie etwa der mündliche und der schriftliche Sprachgebrauch sich hinsichtlich ihrer Tendenzen zu nebenordnender Parataxe und unterordnender Hypotaxe unterscheiden. In der Diskursstruktur finden wir, dass die Mehrzahl der rhetorischen Relationen zwischen Diskursteilen unterordnender Natur sind (z.B. wenn ein Teil einen anderen begründet), es gibt aber auch nebenordnende Strukturen (z.B. bei narrativen Aufzählungen).

Ziel des Arbeitsprogramms der nächsten sechs Jahre ist es, die Phänomene sprachlicher Komplexität zu untersuchen, die auf diese beiden strukturellen Operationen zurückzuführen sind. Diese Themenstellung ist, wie noch begründet wird, in der gegenwärtigen Arbeit des ZAS bereits angelegt und erlaubt darüber hinaus eine enge Verzahnung der Arbeitsbereiche. Die unterschiedlichen Beschreibungsebenen der Sprache führen nämlich zu Schnittstellen zwischen strukturell verschiedenen Ebenen, die bestimmte Bedingungen erfüllen müssen: Es wird z.B. eine semantische Einbettung oft auch durch eine syntaktische Einbettung ausgedrückt, und eine morphologische oder syntaktische Nebenordnung findet in der Regel auch durch eine prosodische Nebenordnung ihren Niederschlag.







Förderung