Forschung

Mein linguistisches Interesse hat sich schon immer hauptsächlich auf grammatische Phänomene des Deutschen gerichtet, die sowohl sprachübergreifend, d.h. typologisch, als auch theoretisch von Interesse sind. Das heißt, es stellt für mich eine befriedigende Herausforderung dar, wenn gewonnene Erkenntnisse auf andere Sprachen übertragbar und theoretische Hypothesen in alternativen Theorien formulierbar und damit evaluierbar sind.

Die Hauptquelle meiner Daten war meist meine Muttersprache Deutsch, der theoretische Rahmen war stets eine möglichst unkontroverse und auch für Vertreter anderer linguistischer Schulen verständliche Version der Generativen Grammatik. Da ich verschiedene Sprachen studiert habe und teilweise sehr gut beherrsche, versuche ich ständig, Sprachspezifisches (Deutsches) und Universal-Grammatisches im Zusammenhang zu sehen. Ein Beispiel dafür ist meine Dissertation - hauptsächlich zur Wortstellung im deutschen Mittelfeld. Ausgearbeitet wurde eine Syntax der Linearisierung von Argumenten und Adjunkten aufgrund ihrer Rolle im Diskurs, wobei ebendieses Phänomen, genannt Scrambling, mit verwandten grammatischen Prozessen und Konstruktionen in anderen Sprachen vergleichen wurde: Verbkongruenz, Klitikdopplung, Kasusdifferenzierung, Akzentverschiebungen usw.

Zurzeit liegt das Hauptaugenmerk meiner Arbeit auf der Satzverknüpfung, also bei der Grammatik der Interaktion von Teilsätzen. Hier spielt die Lizenzierung der Verbzweitstellung in den germanischen Sprachen eine ähnliche Rolle wie die der Modussteuerung in den Romania oder das Verhalten von klassischen subordinierenden Konjunktionen.

Ein wichtiger Teil dieses größeren Themas ist die Untersuchung von sogenannten Hauptsatzphänomenen: Modalpartikeln, Tags, Vokativ-Strukturen etc.

Darüber hinaus interessieren mich derzeit besonders semantische, syntaktische oder auch phonologische Widersprüche beim Zusammenspiel sprachlicher Ausdrücke – sogenannte Klammer-Paradoxe oder „mismatches“ – Phänomene also, die sich der „normalen Kompositionalität“ entziehen. Hier sind wichtige Erkenntnisse über die Einbettung der Sprachfähigkeit in andere, interagierende kognitive Systeme und deren Zusammenspiel zu erwarten. Erste Arbeiten untersuchen komplexe Numerale, d.h. Kardinalzahlkonstruktionen wie dreiundzwanzig Bücher vs. hundertundein Buch bzw. 1001 Nacht - in verschiedenen Sprachen und Sprachstadien des Deutschen. Folgen sollen Zitatkonstruktionen, komplexe Namen, fachsprachliche Konstrukte und Ähnliches. In diesem Zusammenhang (Klammerparadoxe) wird auch gerade ein Projekt ausgearbeitet. Darin geht es um bestimmte Attributkonstruktionen, sogenannte „Attribuierungskomplikation“. In diesen Strukturen bestimmt ein Adjektiv oder eine Präpositionalphrase lediglich das Bestimmungswort eines Kompositums, was gängigen Auffassungen widerspricht: deutsche Sprachwissenschaft (im Sinne von „Linguistik der deutschen Sprache“), gelber Seiteneintrag, geräucherter Fischteller; ähnlich: Fahrgemeinschaft nach Stuttgart, Einreiseverbot in die Sowjetunion, Kritikpunkte an Lakoff.

Meine weiteres großes Interesse gilt der Diskussion um Sprachnorm, dem öffentlichen Diskurs um Sprache, Grammatikschreibung und Linguistik. Seit Erscheinen meines Büchleins "Sick of Sick? - Ein Streifzug durch die Sprache als Antwort auf den Zwiebelfisch" suche ich immer mehr den Kontakt zu der an sprachlichen Sachen interessierten Öffentlichkeit. Im Buch geht es um eine sprachwissenschaftlich fundierte, aber unterhaltsame und populärwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Aussagen der populären, öffentlichen Sprachkritik.

Als Grammatiker wie auch in meiner Eigenschaft als Mitglied im ‚Arbeitskreis Linguistische Sprachkritik‘ interessieren mich also substandardliche, überregional gebräuchliche Konstruktionen, das heißt grammatische Erscheinungen, die Muttersprachler verstehen, über die sie Intuitionen haben, die sie gegebenenfalls – in Abhängigkeit von ihrem Sprachbewusstsein – selbst benutzen, die aber von präskriptiven Grammatiken verboten und als „falsch“ bezeichnet werden. Solche sprachlichen Strukturen gibt es in allen großen Kultursprachen. Sie bilden eine schöne Schnittstelle von Soziolinguistik und Grammatiktheorie, da diese Konstruktionen außerhalb einer Norm liegen, aber mit den Mitteln bestimmter linguistischer Ansätze gut beschreib- und erklärbar sind. Der Ansatz beleuchtet auch die Kompetenzen, die Sprecher in Bezug auf verschiedene Register entwickeln. Interessant wäre auch zu beleuchten, wie hoch der Bewusstseinsgrad über solche „Registerkompetenz“ bei den Mitgliedern der Sprachgemeinschaft ist.