9 Das Bosnische/Kroatische/Serbische und das Bulgarische

Luka Szcsich

Auszüge

 

Einleitung

Wenn Sie früher einmal Urlaub in Jugoslawien gemacht haben, dann haben Sie dort vielleicht ein paar Brocken Serbokroatisch aufgeschnappt. Heute dagegen haben Sie es mit Kroatisch oder Serbisch zu tun. Gibt es das Serbokroatische also nicht mehr? Diese Frage ist umstritten, sowohl unter den Sprechern der Sprache als auch unter Sprachwissenschaftlern. „Eine Sprache ist ein Dialekt mit Armee und Flotte.“ Dieses ursprünglich jiddische Sprichwort beschreibt gut den Status der ersten südslawischen Sprache „Bosnisch/Kroatisch/Serbisch“, die hier besprochen wird, und die wir im Folgenden mit BKS abkürzen. Vor dem Zerfall Jugoslawiens war Serbokroatisch die Staatssprache des Landes (deswegen „Armee und Flotte“). Es war eine Dachsprache für serbische und kroatische, aber auch bosnische und montenegrinische Dialekte. Nach 1991 entwickelten sich das Serbische, Kroatische, Bosnische und Montenegrinische auseinander, wobei sie aus linguistischer Sicht noch nicht den Status eigener Sprachen beanspruchen können, da sich ihre Sprecher gut miteinander verständigen können. BKS hat sich als Bezeichnung eingebürgert und beinhaltet auch die Variante, die in Montenegro gesprochen wird. Tatsächlich sind die sprachlichen Unterschiede zwischen den Varianten eher marginal und beziehen sich weitgehend auf den Wortschatz. So heißt das Brot in Serbien hleb, in Bosnien hljeb und in Kroatien kruh, die Karotte (oder Möhre) heißt in Serbien šargarepa, in Bosnien und Kroatien aber mrkva. Für den Kaffee (im Deutschen: KAffee oder KaFFEE) gibt es drei Varianten: serbisch kafa, kroatisch kava, bosnisch kahva.

Cartoon

 


Wortbildung im BKS

BKS wörtliche Bedeutung Übersetzung
jabučni sok ‚apfeliger Saft’ ‚Apfelsaftʻ
točeno pivo ‚(ein)gegossenes Bier’ ‚Fassbierʻ
veličina od(j)eće ‚Größe der Bekleidung’ ‚Kleidergrößeʻ
mašina za pranje rublja ‚Maschine für das Waschen der Wäsche’ ‚Waschmaschineʻ
poštar ‚Postler’ ‚Briefträgerʻ
zvučnik ‚Lauter’ ‚Lautsprecherʻ

Wie bei allen slawischen Sprachen ist die Komposition, die im Deutschen sehr verbreitet ist (z. B. Bierfass, Fassbier, Wirklichkeitsverweigerungsstrategie), in den südslawischen Sprachen weit eingeschränkter. Beispiele hierfür sind BKS jugozapad/bulg. югозапад (jugozapad) ‚Südwesten‘ oder BKS mravojed/bulg. мравояд (mravojad) ‚Ameisenbär‘(wörtlich: ‚Ameisenfresser‘). Eine interessante Form der Komposition im BKS, die man auch aus dem Italienischen kennt, besteht aus einem Verb im Imperativ und einem Substantiv, wie in ital. portaburro ‚Butterdose‘ (wörtlich: ,trage-Butter‘). Beispiele dafür aus dem BKS sind cepi-dlaka ‚Haarspalter‘ (wörtlich: ,spalte-Haar), pali-kuća ‚Brandstifter‘ (wörtlich: ‚verbrenne-Haus‘), muti-voda ‚Rechtsverdreher‘ (wörtlich: ‚mache-trüb-Wasser‘), ispi-čutura ‚Trunkenbold‘ (wörtlich: ,trinke-aus-Flasche‘), probi-sv(ij)et ‚Vagabund‘ (wörtlich: ,durchbreche-Welt‘). Das, was im Deutschen mit Komposita ausgedrückt wird, wird in den südslawischen Sprachen mit anderen Mitteln bewerkstelligt, zum Beispiel durch Kombinationen von Adjektiven oder Partizipien und Substantiven, wie in BKS jabučni sok ‚Apfelsaft‘ (wörtlich: ‚apfeliger Saft‘), točeno pivo ‚Fassbier‘ (wörtlich: ,(ein)gegossenes Bier‘).

 


Evidentialität im Bulgarischen

(...) Als wäre das noch nicht genug, verfügt das Bulgarische auch noch über eine Kategorie, die im Deutschen, aber auch im BKS zumindest in dieser Form fehlt: Evidentialität. Damit drückt der Sprecher aus, für wie glaubwürdig er seine eigene Aussage hält. Mit einem neutralen Aussagesatz gibt der Sprecher meist zu verstehen, dass er sich in irgendeiner Weise für die Wahrheit der Aussage verbürgt. Dies gilt auch für das Deutsche. Wenn dies nicht der Fall ist, werden im Deutschen Modalverben oder der Konjunktiv I verwendet. Im Bulgarischen gibt es jedoch neben dem Konjunktiv auch spezielle Evidentialitätsformen: den Inferential (man schließt auf eine Handlung aufgrund irgendwelcher Beobachtungen), den Renarrativ (man weiß über eine Handlung vom Hörensagen) und den Dubitativ (man weiß über eine Handlung vom Hörensagen, bezweifelt aber, dass sie stattgefunden hat). (...)

Inferential:

  Пламен  е четял книгата.
  Plamen e četjal knigata
  P. AUX.PRÄS AORIST.PARTIZIP das Buch
   
  ‚Plamen muss (wohl) das Buch lesen.‘

Renarrativ:

  Пламен четял книгата.
  Plamen četjal knigata
  P. AORIST.PARTIZIP das Buch
   
  ‚Man sagt, dass Plamen das Buch liest.‘

Dubitativ:

  Пламен бил четял   книгата.
  Plamen bil četjal knigata
  P. AUX.PERF AORIST.PARTIZIP das Buch
   
  ‚Man sagt, dass Plamen das Buch liest, was ich nicht glaube.‘

(...) Der Renarrativ wird im Deutschen durch das Modalverb sollen ausgedrückt: Peter soll geschwänzt haben. Und der Dubitativ durch das Modalverb wollen: Peter will eine Eins geschrieben haben – wir glauben ihm das aber nicht.

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