3 Das Deutsche

Hubert Truckenbrodt

Auszüge

 

Zur Schrift

Viele europäische Sprachen haben sich, zumeist vermittelt über das Schreiben des Lateinischen im Mittelalter, der lateinischen Buchstaben bedient, um ihre Sprachen zu verschriftlichen. Das lateinische Alphabet der Spätantike lautet:

     A B C D E F G H I K L M N O P Q R S T V X Y Z

Aus heutiger Sicht war alles da, bis auf J, U und W (...).

 

Die Kreuzinschrift INRI

steht für IESVS NAZARENVS REX IVDAEORVM (‚Jesus von Nazaret, König der Juden‘).
Das antike Latein verwendete I sowohl für unser i als auch für unser j.

Warum übrigens König der Juden? Jesus war Jude und wollte die jüdische Religion reformieren. Die Juden durften unter römischer Herrschaft keinen König haben. Die Römer beschuldigten Jesus, der König der Juden sein zu wollen. Mit INRI gab Pontius Pilatus den Rechtsgrund für die Kreuzigung an.

INRI

 

Auch die Kleinbuchstaben (a, b, c ...) werden als lateinische Buchstaben bezeichnet, wenngleich in der Antike zunächst nur Großbuchstaben (A, B, C ...) geschrieben wurden. Die Kleinbuchstaben haben sich seit dem frühen Mittelalter auch für das Schreiben des Lateinischen entwickelt. (...)

Wo die späteren europäischen Sprachen aber andere Laute als das Lateinische in der Aussprache hatten, konnte nicht auf einen lateinischen Buchstaben zurückgegriffen werden, um sie zu schreiben. (...)

 

Kein sch-Laut im Lateinischen!

d

Wie behelfen sich Schriften, die lateinische Buchstaben verwenden?

Mehrere Buchstaben für einen Laut:

sch im Deutschen (Schuh)
sh im Englischen (shoe)
ch im Französischen (chaussure)

Sogenannte diakritische Zeichen:

š im Tschechischen
ş im Türkischen

 


Zur Aussprache

Der Schlüssel zu einem Verständnis der Unterschiede zwischen f/v/w und zwischen ss/ß/s ist die Unterscheidung zwischen stimmhaften und stimmlosen Lauten. Mithilfe des Singtests kann man sich diesen Unterschied leicht klarmachen. Auf [m] kann man leicht eine Melodie produzieren, das ist wie summen: [mmm...mmm...mmm...mmm...mmm] – tief...mittel...hoch...mittel...tief. Das funktioniert, weil [m] ein stimmhafter Laut ist und bei stimmhaften Lauten die Stimmhöhe variieren kann. Probieren Sie das bitte ruhig vor dem Weiterlesen aus. Ebenso kann man auf [a] singen: [aaa...aaa...aaa...aaa...aaa] – tief...mittel...hoch...mittel...tief. Alle Vokale sind stimmhaft. Nun aber: [f] ist ein stimmloser Laut, und auf stimmlosen Lauten kann man keine Melodie produzieren. Probieren Sie es bitte: [fff...fff...fff...fff...fff]. Man kommt mit der Stimme weder hoch noch runter! Bei stimmlosen Lauten gibt es keine Stimmhöhe, und so kann man keine Melodie auf ihnen erzeugen. (...)


Wir kommen zu den Reibelauten, die ss, ß und s entsprechen. Zwischen ss und ß gibt es keinen Unterschied in der Aussprache. Es gibt aber einen Unterschied zwischen ss/ß und s. Der besteht in der Stimmhaftigkeit! Betrachten Sie dazu die folgenden Beispiele:

     stimmhaft:  Muse, weise, Bluse, Riese
     stimmlos:   Muße, weiße, Buße, Risse

Sie können sich und Ihre Schüler von dem Unterschied mithilfe des Singtests überzeugen. Zunächst auf Riese: Rie-sss...sss...sss...sss...sss-e – tief...mittel...hoch...mittel...tief. Das müsste funktionieren, denn die Aussprache ist hier stimmhaft. Nicht aber bei Risse: Ri-ss-ss-ss...ss-ss-ss...ss-ss-ss...ss-ss-ss...ss-ss-ss-e. Hier bleibt man auf der Stelle. Also ist die Aussprache hier stimmlos. Von der Länge her werden s, ß und ss alle gleich lang ausgesprochen, der Unterschied liegt nur in der Stimmhaftigkeit: s ist stimmhaft, und ß/ss ist stimmlos.

Am Wortanfang wird nur s geschrieben, nie ß oder ss. Fast immer wird das s hier, wie in der Wortmitte (etwa in Muse), auch stimmhaft gesprochen, so in singen, soll und sagen. Nur in einigen Fremdwörtern aus dem Englischen wird es stimmlos gesprochen, so in Server, Single, Sex und Slip. Hier müsste man ßerver, ßingle, ßex und ßlip schreiben, wenn man ß am Wortanfang verwenden könnte und nicht auch die ursprüngliche Schreibung des Englischen wiedergeben wollte.

Für den Vergleich mit anderen Sprachen ist es wichtig zu verstehen, dass das Deutsche bei den s-Lauten anders ist als viele andere Sprachen. Dadurch, dass im Deutschen am Wortanfang normalerweise nur das stimmhafte s auftritt, ist es natürlich, dass dafür in der Schreibschrift der einfache Buchstabe s verwendet wird. Im Vergleich dazu ist das stimmlose ß/ss der „ungewöhnliche“ Fall, sodass für diesen Fall die ausgefalleneren Zeichen ß/ss gebraucht werden.

Viele andere Sprachen aber verwenden sowohl die stimmlose als auch die stimmhafte Version am Wortanfang, Die Schreibung ist dabei über die Sprachen hinweg oft ähnlich (aber vom Deutschen leider verschieden): (...) Das Englische unterscheidet etwa server, sex, Sue und see mit stimmlosem Anfang („ßerver, ßex, ßue, ßee“) von zoo oder zebra oder zipper (gesprochen nicht etwa wie das deutsche z, sondern wie es im Deutschen „Suh“, „Siebra“ und „Sipper“ wären, mit stimmhaftem s). Ähnlich im Französischen: stimmloses s in simple, sentir, secours („ßimple, ßentir, ßecours“), stimmhaftes z in zéro, zenith und zone („Sero, Senith, Soon“). Dieser Belegung der Buchstaben, die sich am Lateinischen anlehnt, hat sich auch das Türkische angeschlossen: su ,Wasserʻ und süt ,Milchʻ beginnen mit stimmlosem s in der Aussprache („ßu, ßüt“), und zaman ,Zeitʻ und zar ,Membranʻ mit stimmhaftem s („Saman, Sar“).

 

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