14 Das Französische

Isabelle Darcy und Ingo Feldhausen

Auszüge

 

Zur Sprachgeschichte

Für viele Franzosen gelten die Gallier (deren Vorstellung für viele durch den Charakter von Asterix geprägt ist) als die einzigen „anerkannten“ Vorfahren. Nos ancêtres, les Gaulois (‚Unsere Vorfahren, die Gallier‘) ist ein Satz, den jedes französische Kind immer wieder hört. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Genauso wenig ist es korrekt zu glauben, dass Französisch ausschließlich auf das Vulgärlatein zurückzuführen ist. Wie Henriette Walter sagt, ist das Französische die „germanischste aller romanischen Sprachen“. Das unterstreicht der Name der Sprache selbst – Französisch. Ein Name, der auf die fränkischen Eroberer zurückgeht. Tatsächlich ist das heutige Französisch eine Mischung vieler Einflüsse.

Als Gallien ab ca. 125 v. Chr. von den Römern erobert wird, leben in dem Gebiet verschiedene Völker mit eigenen Sprachen, zum einen die Kelten, aber auch andere, nichtkeltische Völker wie Aquitanier (Vorfahren der heutigen Basken), Liguren und Iberer. Im Gegensatz zu den Basken werden die Gallier ihre Sprache nach und nach zugunsten des Lateins aufgeben.

Durch die römische Eroberung gelangt das Latein zunächst in den Süden, in die heutige Provence. Später verbreitet sich die Romanisierung durch Cäsar auch bis in den Norden Galliens. Die keltische Sprache wird langsam durch das Lateinische ersetzt.

Um das Jahr 58 v. Chr. ist Gallien (fast) vollständig von den Römern besetzt. Das Gallische wird zugunsten des gesprochenen Lateins aufgegeben. (...)

 


Nasale Vokale

Die Schattierungen in Tabelle 14.1 zeigen, welche Vokale aus der Sicht des Deutschen ungewöhnlich sind, im Lautsystem des Deutschen also nicht vorkommen. Außer einem dunkleren â-Laut (wie in pâte [pɑt] ,Teig‘) sind dies die vier Nasalvokale [ɛ̃], [œ̃] , [õ] und [ɑ̃], wobei die Nasalität in der Lautschrift durch die Tilde ~ über dem Vokalzeichen angezeigt ist. Nasalvokale kommen in vielen Oppositionen zwischen männlicher und weiblicher Form vor, wie in den Wortpaaren divindivine [divɛ̃] – [divin] (‚göttlich‘, maskulin – feminin); brunbrune [brœ̃] – [bryn] (‚braun‘, maskulin – feminin) oder JeanJeanne [ʒɑ̃] – [ʒan] (‚Johann‘ – ‚Johanna‘).

Tabelle französischer Vokale

Die Entstehung der Nasalvokale begann im Altfranzösischen. Dort gab es zunächst nur die normalen Vokale im Lautsystem, aber sie wurden nasalisiert ausgesprochen, wenn sie vor einem nasalen Konsonanten standen (z. B. m oder n), wie [fĩn], [fĩni]. Aus ihnen entstanden zur Zeit des Mittelfranzösischen nasale Vokale als eine eigene Art von Vokalen im Lautsystem. Ein wichtiger Aspekt für die Eigenständigkeit der Nasalvokale war die Verschmelzung des (nasalierten) Vokals mit dem folgenden m oder n, sofern die nasalen Konsonanten in derselben Silbe standen. Durch die Verschmelzung wurde das m oder n nicht mehr separat ausgesprochen, und so entwickelte sich damals das heutige fin [fɛ̃] ,Ende‘. Die neuen nasalen Vokale standen jetzt im Gegensatz zu nichtnasalen Vokalen, die auch dann nicht mehr nasalisiert ausgesprochen wurden, wenn ein m oder n am Anfang der nächsten Silbe folgte (z. B. fini [fi.ni] ,beendet‘, mit einem Punkt für die Silbengrenze). Die Anzahl der Nasalvokale, die es im Altfranzösischen gab, wurde im Mittelfranzösischen kleiner. In fin beispielsweise wurde der durch Verschmelzung entstandene nasale Vokal [ĩ] „nach unten gezogen“ (wenn wir es mit Bezug auf Tabelle 14.1 formulieren) und [fɛ̃] ausgesprochen.
Parallel dazu entwickelte sich [ỹ] in yn zu [œ̃] , was im gegenwärtigen Französisch für viele Sprecher weiter zu [ɛ̃] wurde, wie in un ‚ein‘. Auch en wurde „nach unten gezogen“, wurde also zunächst zu [ẽ] und dann zu [ã] bzw. [ɑ̃] wie in vendre ‚verkaufen‘. Die Orthografie spiegelt hier noch den Stand vor der mittelfranzösischen Vereinfachung der nasalen Vokale wider, sodass die Aussprache der nasalen Vokale im Verhältnis zur Orthografie bis heute „nach unten gezogen“ ist. Übrigens haben manche Nasalvokale ihre Nasalität in der Aussprache wieder verloren (z. B. bei fine [fin] ‚feine‘ und une [yn] ‚eine‘). Beim Verlust der Nasalität wurde jedoch das „Nach-unten-Ziehen“ manchmal nicht rückgängig gemacht, wie bei femme [fam] ‚Frau‘ und in évidemment [evidamɑ̃] ‚selbstverständlich‘. Hier wird bis heute „nach unten gezogen“ ausgesprochen (also [a]), obwohl die Nasalität, die dafür einst verantwortlich war, inzwischen verschwunden ist.

 


Der Ü-ü

Ein französischer Student fragte seinen deutschen Kommilitonen, ob er ihm nicht seinen „Ü–ü“ leihen könne. Der deutsche Student wusste im ersten Moment allerdings überhaupt nicht, was der Austauschstudent von ihm wollte. Einen „Ü–ü“? Es hat einen Moment gedauert, bis der Deutsche verstanden hatte, dass sein frankophoner Kommilitone lediglich seine „Uhu“-Klebstofftube haben wollte. Für den Franzosen war die Aussprache „Ü–ü“ logisch: Orthografisches u wird (...) „ü“, ausgesprochen, und das orthografische h wird nicht gehaucht ausgesprochen.

 


Idiomatische Wendungen im Vergleich

dt.: Luftschlösser bauen
frz.: constuire des châteaux en Espagne (‚Schlösser in Spanien bauen‘)

dt.: jemanden durch den Kakao ziehen
frz.: casser du sucre sur le dos de quelqu’un (‚Zucker auf dem Rücken von jemandem zerschlagen‘)

dt.: seinen Senf dazu geben
frz.: ajouter son grain de sel (‚sein Salzkorn dazugeben‘)

dt.: einen Frosch im Hals haben
frz.: avoir un chat dans la gorge (‚eine Katze im Hals haben‘)

dt.: jemandem einen Bären aufbinden
frz.: mener quelqu’un en bateau (‚jemanden im Boot führen/ mitnehmen‘)

 

 

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