18 Das Griechische

Stavros Skopeteas

Auszüge

 

[Anmerkung der Herausgeber: Die Wiedergabe griechischer Wörter und Sätze verwendet hier eine im Kapitel erklärte Umschrift. Diese hilft dabei, griechische Sätze zu lesen, ohne die griechische Schrift zu verstehen.]

Einleitung

Neugriechisch hat natürlich einen historischen Bezug zum Altgriechischen, jedoch hat es sich durch den Sprachwandel so weit vom Altgriechischen entfernt, dass Sokrates einen Sprachkurs benötigt hätte, um die neugriechische Übersetzung der platonischen Dialoge verstehen zu können. Ebenso braucht ein griechischer Muttersprachler heute etwa drei Jahre Altgriechischunterricht in der Schule, um die platonischen Dialoge im Originaltext lesen und verstehen zu können. Ein einfaches Beispiel aus dem Altgriechischen, nämlich folgendes Zitat von Sokrates aus dem Jahr 399 v. Chr., das er zu seiner Verteidigung äußerte, kann dies verdeutlichen:

Altgriechisch ː oîda oudè oíomai eidénai.
  die nicht weiß nicht glaube wissen
   
  ,Ich glaube nicht, dass ich weiß, was ich nicht weiß.ʻ
(Plato, Apologie des Sokrates, 21.d)


Im Neugriechischen würde das Zitat wie folgt lauten:

Neugriechisch 'osa ðen 'ksero ðen no'mizo 'oti ta 'ksero.
  welche nicht weiß nicht glaube dass sie wissen
   
  ,Ich glaube nicht, dass ich weiß, was ich nicht weiß.ʻ

 


„Echte Freunde“ und „falsche Freunde“

„Echte Freunde“ (Entlehnungen aus anderen Sprachen):

Französisch: ble (< bleu) ,blau‘, pal'to (< paletot) ,Mantel‘,
su'kse (< succès) ,Erfolg‘
Englisch: 'sori (< sorry), 'θriler (< thriller), sorts (< shorts),
tse'kap (< check-up)
Italienisch: ba'leto (< balletto) ,Ballett‘,
'prova dzene'rale (< prova generale) ,Generalprobe‘

„Falsche Freunde“ (Wörter, die im Deutschen bekannt klingen, aber etwas anderes bedeuten):

  Akribie a'krivia ,Teuerung‘
  Apotheke apo'θ iki ,Lager‘
  Aroma 'aroma ,Aroma, Parfüm‘
  Bibliothek vivio'θiki ,Bibliothek, Bücherregal‘
  Diplom 'ðiploma ,amtliche Urkunde, z. B. Führerschein‘
  Epoche epo'xi ,Ära, Jahreszeit‘
  Idiot i'ðiotis ,Privatperson‘
  Katalog ka'taloɣos ,Verzeichnis, z. B. Speisekarte‘
  Kosmos 'kosmos ,Welt, Leute‘

 


Sätze

Die griechische Wortstellung ist relativ flexibel, das heißt, man kann die Satzglieder in unterschiedlichen Reihenfolgen anordnen, je nachdem, welcher Teil der Äußerung hervorgehoben werden soll. Anders als im Deutschen gibt es keine Beschränkung für die Stellung des Verbs; das Verb kann an der ersten oder zweiten Position im Satz stehen, aber auch weiter hinten im Satz.

  'ðiavase o 'janis  
  las.er der Janis  
         
  ,Janis las.‘  

 

  o 'janis 'ðiavase  
  der Janis las.er  
         
  ,Janis las.‘  

 

  'simera o 'janis 'ðiavase  
  heute der Janis las.er  
           
  ,Heute las Janis.‘  

(...)
Neugriechisch gehört – anders als Deutsch und Altgriechisch – zu den Sprachen mit Negationsharmonie (...). Wenn man also ein Verneinungswort wie niemand verwendet, dann muss die Verneinung durch die Partikel ðe ,nichtʻ wiederholt werden:

  ka'nenas ðe me 'xtipise  
  niemand nicht mich schlug.er  
           
  ,Niemand hat mich geschlagen.ʻ  


Wenn man diese Partikel nicht verwendet, erhält man die gegensätzliche Bedeutung, nämlich einen affirmativen Satz:


  o ka'nenas me 'xtipise  
  der Niemand mich schlug.er  
           
  ,Der Niemand hat mich geschlagen.ʻ  

(...)

Schwierigkeiten für Deutschlerner: Satzbau

Die deutsche Wortstellung hat restriktive Regeln für die Stellung des Verbs; insbesondere die Verbzweitregel (Kapitel 3) in Hauptsätzen stellt eine Herausforderung für viele Lerner dar, nicht nur für griechische Muttersprachler. Da man im Griechischen mehrere Satzglieder vor das finite Verb setzen darf, kommt es zu entsprechenden Übertragungen aus dem Griechischen (z. B. Danach das Kind war sehr traurig statt Danach war das Kind sehr traurig oder Morgen Janis wird nach München fahren statt Morgen wird Janis nach München fahren). Eine Äußerung wie Kam Janis gestern nach Hause muss auch nicht als Frage gemeint sein. (...)

Das Neugriechische hat keinen Dativ, jedoch lernen griechische Schüler den Dativ im Altgriechischunterricht kennen. Die Verwendung des Dativs im Deutschen bleibt jedoch häufig eine Schwierigkeit für griechische Muttersprachler, die sich in Fehlern beim Ausdruck von indirekten Objekten zeigt (z. B. Ich schicke Sie meine Lösungen statt Ich schicke Ihnen meine Lösungen) oder bei Verben, die ein Dativargument haben (z. B. Hilf ihn! statt Hilf ihm!), sowie beim präpositionalen Dativ (z. B. zufrieden mit Ihre E-Mail statt mit Ihrer E-Mail zufrieden oder fahre mit meine Vater statt fahre mit meinem Vater). (...)

 


Anrede

Neugriechisch unterscheidet vier Kasusformen, nämlich Nominativ, Akkusativ, Genitiv und Vokativ. (...) Der Vokativ wird ausschließlich zur Adressierung des Hörers verwendet; einen Mann mit dem Namen Kostas wird man mit Kosta anreden. Bei den meisten Namen ist es so einfach wie beim Beispiel Kostas. Wie würden Sie also die Schüler Janis, Jorgos und Dimitris ansprechen?

Die Lösung finden Sie am Ende des Kapitels.

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