7 Das Arabische und das Hebräische

7.2 Das Hebräische

Amir Zeldes

Auszüge

 

Zur Sprachgeschichte

Das Hebräische entwickelte sich mehr als 1 000 Jahre lang vor Christus in den Königreichen Judäa und Israel. Von der mythologischen Erschaffung der Welt bis in diese Zeit erzählt die Heilige Schrift des Judentums (‚Tanach‘, von dem die Torah den bekanntesten Teil bildet) auf Althebräisch. Ihr Inhalt ist später weitgehend als Altes Testament auch in die christliche Bibel eingegangen. Im antiken Judentum wurden Judäa und Israel mehrmals von unterschiedlichen Regionalmächten erobert. Die letzte Eroberung erfolgte durch das römische Imperium im 1. Jahrhundert v. Chr. Anfangs erlaubten die Römer noch Strukturen des jüdischen Lebens und zogen über Tribute an römische Statthalter Geld aus der Region. In solch einer Umgebung (in Galiläa, nicht sehr weit von Judäa) lebte Jesus Christus, der Jude war und die jüdische Religion reformieren wollte. Die Muttersprache von Jesus war übrigens nicht Hebräisch, sondern die ebenfalls semitische Sprache Aramäisch, die sich noch vor dieser Zeit aus ihrer Heimat im Norden ausgebreitet hatte. Später, auch als Reaktion auf Aufstände, vertrieben die Römer die jüdische Führungsschicht und lösten die jüdische Sozialstruktur in Judäa auf. Das führte etwa Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. zum Aussterben des Hebräischen als gesprochene Muttersprache. Das Hebräische existierte allerdings weiter als liturgische Sprache der Juden und diente der Verfassung vieler Briefe, Verträge, Chroniken, Wissenschaftsbücher, Gedichte etc. durch das ganze Mittelalter.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben vor allem säkulare jüdische Gelehrte zunehmend versucht, das Hebräische wieder als gesprochene Sprache des jüdischen Volkes einzuführen, was mit der Unterstützung zionistischer Einwanderer im türkisch-osmanischen Palästina (bis 1917) und später auch im britischen Palästina gelang. Die hebräischsprachige jüdische Bevölkerung in Palästina gründete 1948 den Staat Israel, in dem die meisten Muttersprachler des Hebräischen heute leben. Die von der Wiederbelebungsbewegung eingeführte Sprache weist einige Unterschiede im Vergleich zur Sprache der Bibel auf. Sie zeigt viele Einflüsse aus den europäischen Sprachen der Wiederbelebergeneration. (...) [Es ist] für einen Sprecher des Neuhebräischen ohne Ausbildung nicht möglich, die Bibel ohne Schwierigkeiten zu verstehen.

 


Wortbildung

Die traditionelle hebräische Grammatik unterscheidet zwei zentrale Wortbildungsmechanismen: die Bildung von Wörtern aus Wurzeln und Mustern, die miteinander kombiniert werden, und die Zusammensetzung mehrerer (nominaler) Einheiten zu einem Begriff. Beide Mechanismen funktionieren deutlich anders als die deutsche Wortbildung. In der Wurzelableitung wird eine Wurzel, die meistens drei Konsonanten enthält (manchmal auch mehr), in ein größtenteils vokalisches Muster eingegossen, das Leerstellen für Wurzelelemente enthält. Das Muster heißt bei Verben Binyan und bei Nomina und den anderen Wortarten Mischkal. Die Muster tragen abstrakte Bedeutungen, wie sie im Deutschen eher durch Endungen ausgedrückt werden würden.

Als Beispiel können wir das Muster mi – a – a betrachten, das die Bedeutung ‚Ortsbezeichnung‘ trägt. Kombiniert man dieses Muster mit passenden Wurzeln, so ergeben sich folgende Nomina:

Muster mi_ _a_a ‚Ort‘ + Wurzel z.b.l ‚Müll mizbala ‚Mülldeponie‘
Muster mi_ _a_a ‚Ort‘ + Wurzel r.p.’ ‚heilen‘ mirpaa‚Klinik‘

Die Wurzel s.ʕ.d bedeutet ‚verspeisen‘. Können Sie erraten, was das Wort mis‘ada bedeutet? Die Lösung finden Sie am Ende des Kapitels!

Dieselben Wurzeln können sowohl in der Nomen- als auch in der Verbbildung verwendet werden, und das Zusammenspiel von den Binyanim (Mustern) drückt u.a. die Unterscheidung von Aktiv und Passiv sowie die Herbeiführung eines Zustands (Kausativmuster) aus. Die Wurzel r.ħ.q ‚fern‘ bildet beispielsweise folgende Wörter:

רָחוֹק

raħoq ‚entfernt, weit weg‘ (Adjektivmuster: _a_o_)
               הִרְחִיק hiiq ‚er entfernte‘ (Kausativmuster: hi_ _i_)
הֻרְחַק huaq ‚er wurde entfernt‘ (Passiv-Kausativmuster:
hu_ _a_)
הִתְרַחֵק              hitraħeq ‚er entfernte sich‘ (Reflexivmuster: hit_ a_e_)

Die Bedeutungen der Muster sind manchmal sehr spezifisch: es gibt sogar Muster für Krankheiten (daleqet ‚Entzündung‘ < d.l.q ‚brennen‘, ademet ‚Röteln‘ < ’.d.m ‚Rot‘), Werkzeuge, Behinderungen etc. Allerdings gibt es viele Ausnahmen bei den Nomina, wohingegen die Verben eine wesentlich konsistentere Bedeutung der Musterbildung aufweisen.

 


 

Verschachtelungen von Nomen

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