13 Das Hindi und das Urdu sowie das Romani

13.1 Das Hindi und das Urdu

Ram Prasad Bhatt

Auszüge

 

Allgemeines

(...) Wegen der gemeinsamen Grammatik wurden die Begriffe „Hindi“, „Urdu“ und „Hindustani“ lange als gleichbedeutend verwendet, mindestens bis zur Zeit des Dichters Mirza Ghalib (1797–1869), der als größter klassischer Dichter des Urdu gilt und seine Sprache Hindi nannte. Erst im späten 19. Jahrhundert entwickelte sich das Verhältnis von Hindi und Urdu zu einem Konkurrenzverhältnis. Hindi, Urdu oder Hindustani zu sprechen, wurde zur Glaubensfrage, da die Sprachen in jeweils unterschiedlicher Abgrenzung zur britischen Kolonialherrschaft eine bestimmte Identität ausdrücken konnten. So wurde auch im Freiheitskampf gegen die Kolonialherrschaft von Mahatma Gandhi das gemeinsame Hindustani als Symbol der nationalen Identität proklamiert. Seit 1940 verstärkte sich mit der Teilung Britisch-Indiens in Indien und einen muslimischen Teil Pakistan aber auch der Prozess des Auseinanderdividierens, sodass Hindi und Urdu aus politischer Sicht, besonders aus der pakistanischen Sicht, zum Teil als unabhängige Sprachen anzusehen sind. Im täglichen Leben verursachen diese politisch motivierten Positionen aber keine bedeutsamen Verständigungsprobleme.

Nach der Unabhängigkeit beider Teile von der britischen Kolonialherrschaft 1947 wurde Hindi 1950 in der neuen Verfassung als erste Amtssprache Indiens festgelegt. Urdu wurde im Jahre 1949 zur Nationalsprache Pakistans erklärt. Das gemeinsame Hindustani ist heute die Sprache der Bollywood-Filme.

 


Schriften

  "Hindi" ‚Hindi‘, geschrieben in seiner Schrift Devanagari
     
 

"Urdu"

‚Urdu’, geschrieben in seiner perso-arabischen Schrift Nastaliq

Hindi wird wie etwa auch Sanskrit (die klassische Sprache Indiens) und Nepali, die Amtssprache Nepals, in der Devanagari-Schrift (genauer: Devanāgarī) geschrieben. Devanagari gehört zu den Silbenalphabeten. Anders als Buchstabenalphabete werden in ihnen nicht einzelne Laute oder Lautsegmente, sondern ganze Silben festgehalten. (...)

Ein Silbenzeichen steht zunächst für einen Konsonanten und den folgenden Vokal a (in Lautschrift [ǝ]). Diese Silbenzeichen nennt man akṣar. Hat nun eine Silbe einen anderen Vokal als a, wird ein entsprechendes diakritisches Zeichen (mātrā genannt) verwendet: wird als k(a) mit dem diakritischen Zeichen für ā geschrieben, ki als k(i) mit dem diakritischen Zeichen für i usw.:

क का िक कु के
ka kā ki ku ke

Wie aus der Darstellung ersichtlich, können die diakritischen Zeichen an unterschiedlichen Positionen des Basiszeichens angefügt werden: rechts (z. B. bei ā), links (z. B. bei i), unterhalb (z. B. bei u) und oberhalb (z. B. bei e). (...)
Devanagari gibt die Lautstruktur der Wörter ziemlich lautgetreu wieder. Es gibt nur wenige Ausnahmen, die vor allem den inhärenten Vokal a betreffen, der zwar in der Schrift angezeigt, aber nicht ausgesprochen wird: Dies kann am Wortende der Fall sein, wie in yog (nicht yoga) oder bhārat (nicht bhārata) ‚Indien‘, aber auch im Wortinneren, wie in laṛkī (nicht laṛakī) ‚Mädchen‘ oder ādmī (nicht ādamī) ‚Mensch, Mann‘. Entsprechend lautet die Bezeichnung für das Silbenalphabet eigentlich Devnāgrī.

 



Cartoon Hindi

 


Wortstellung

Das Hindi-Urdu verwendet die Reihenfolge SOV der Satzglieder, das heißt, das Verb steht nach dem Subjekt und nach den Objekten. Dies sieht man etwa in dem ersten [folgenden] Beispiel (...). Diese Reihenfolge entspricht der Reihenfolge der Satzglieder im deutschen Nebensatz dass Ila Anu eine Halskette schickte. Dabei ist auch die Umstellung der Satzglieder vor dem Verb möglich, wie die anderen Beispiele (...) zeigen.

  [Ilā-ne]SUB [anū-ko]IO [hār]DO bhejā.
  Ila-ERG Anu-DAT Halskette.NOM schicken.PERF
   
  ‚Ila schickte Anu eine Halskette.‘
         
  [Ilā-ne]SUB [hār]DO [anū-ko]IO bhejā.
  Ila-ERG Halskette.NOM Anu-DAT schicken.PERF
   
  ‚Ila schickte Anu die Halskette.‘
         
  [Hār]DO [ilā-ne]SUB [anū-ko]IO bhejā.
  Halskette.NOM Ila-ERG Anu-DAT schicken.PERF
   
  ‚Ila schickte Anu die Halskette.‘

Wird das direkte Objekt vorangestellt, so ändert sich allerdings die Bedeutung ein wenig. Wie erwähnt werden keine bestimmten und unbestimmten Artikel verwendet. Ob ein bestimmter oder ein nicht bestimmter Gegenstand beschrieben wird, ergibt sich aus der Situation, aber zum Teil auch aus der Wortstellung. So wird das nicht vorangestellte direkte Objekt meist unbestimmt verstanden. Im ersten Beispiel (...) geht es also um eine nicht genauer bekannte oder bestimmte Halskette. Wird das direkte Objekt vorangestellt, wie in den anderen beiden Beispielen, so bezieht es sich auf eine bestimmte Halskette, also eine, von der der Hörer bereits Kenntnis hat.

Wenn das Objekt sich andererseits auf eine Person bezieht, verwendet das Hindi ein anderes Mittel, um die Bezeichnung einer bestimmten Person anzuzeigen: die Kasusendung -ko des Akkusativs: Ilā-ne bacce-ko uṭhāyā (wörtlich: ,Ila Kind-AKK hob‘, also „Ila hob das Kind‘).

Keine Voranstellung des Fragewortes

Anders als im Deutschen werden die Fragewörter in Ergänzungsfragen im Hindi nicht vorangestellt.

  Hoţel kahẫ hai?
  Hotel wo ist

 

Wo ist (gibt es) ein Hotel?‘

Das ist übrigens ähnlich wie im Chinesischen und Vietnamesischen (Kapitel 11). Auch das Japanische und das Türkische stellen die Fragewörter nicht voran.

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