15 Das Italienische und das Rumänische

15.1 Das Italienische

Günther Grewendorf

Auszüge

 

Deutsch sprechen wie die Italiener

Ein Sprachkurs mit Augenzwinkern in sechs Schritten:

  1. Endet ein Wort mit einem Konsonanten, hängen Sie grundsätzlich ein e an. Beispiel: Chefe statt Chef.
  2. Stehen -en oder -er am Wortende, lassen Sie das n oder das r weg. Beispiel: laufe, Ärge.
  3. Steht ein ch am Anfang oder Ende eines Wortes, wird es wie sch, steht es in der Mitte, wird es wie k ausgesprochen. Beispiel: ische für ich, Mikaele Schumaker.
  4. Sprechen Sie nie ein H am Anfang eines Wortes. Beispiel: Unde für Hund, Ondurase für Honduras.
  5. Vertauschen Sie der und die. Das entfällt ganz. Beispiel: die Auto, der Frau.
  6. Sagen Sie nach jedem Satz: ä.

Sie können jetzt also auf Italienischdeutsch sagen: Die Auto von Mikaele Schumake fährte langsame alse die Onda vone meine Chefe, ä!


Der negierte Imperativ

Eine im Vergleich zum Deutschen unerwartete Besonderheit liefert das Italienische, was den negierten Imperativ der 2. Person Singular betrifft. Dieser wird nicht etwa mit der eben dargestellten Imperativform plus der Verneinung non ,nicht‘ gebildet. Statt der Imperativform tritt hier vielmehr die Infinitivform auf: Non dire la verità! ,Sag nicht die Wahrheit!‘.

 

Der negierte Imperativ
Der negierte Imperativ (Tuʼs nicht!) wird im Italienischen auf ungewöhnliche Art und Weise gebildet, nämlich mit dem Infinitiv. Da fällt einem doch gleich der berühmte Song des Liedermachers Fred Buscaglione ein, in dem der vermeintlich untreue Ehemann seine Frau, die ihn zu Hause mit dem Gewehr erwartet, anfleht:

Teresa, ti prego, non scherzare col fucile!
,Theresa, ich bitte dich, mach keine (wörtlich: nicht machen) Scherze mit dem Gewehr!‘


Negationsharmonie

Eine Eigenschaft, die die italienische Negation zwar nicht mit dem Standarddeutschen, wohl aber mit einigen deutschen Dialekten gemeinsam hat, ist das Phänomen der sogenannten Negationsharmonie (...). Im Standarddeutschen hebt eine doppelte Negation die Verneinung auf, sodass ein Satz wie Nie hat Hans nicht geraucht bedeutet, dass Hans immer geraucht hat. Im Bairischen können dagegen mehrere Negationen im Satz vorkommen, ohne dass die Verneinung davon berührt ist. Das heißt, die zur Satznegation hinzukommenden negativen Elemente „harmonieren“ mit dieser, anstatt sie nochmal zu negieren. Ein Satz wie der in der Randspalte [unten] bedeutet im Bairischen, dass ich nirgendwo jemanden gesehen habe.

Ähnlich wie im Bairischen verhält es sich nun mit der Negation im Italienischen. Auch hier heben sich mehrere Negationselemente gegenseitig nicht auf, sodass ein Satz wie in der Randspalte bedeutet, dass ich nie jemanden gesehen habe.

 

Verneinung im Bairischen

I hob nirgends neamd net gseng.
ich habe nirgends niemanden nicht gesehen

,Ich habe nirgendwo jemanden gesehen.‘

 

Verneinung im Italienischen

Non ho mai visto nessuno.
nicht ich habe nie gesehen niemanden

,Ich habe nie jemanden gesehen.‘

 


Adjektivstellung

Mit diesen südländischen Gemeinsamkeiten hört es jedoch sofort auf, wenn man Adjektive betrachtet. Wie im Deutschen stimmt ein Adjektiv vor dem Nomen in Genus und Numerus mit dem Nomen, das es modifiziert, überein (una bella casa‚ein schönes Haus‘). Das Adjektiv als Prädikat zeigt ebenfalls Übereinstimmung mit dem Subjekt, was wir vom Deutschen so nicht kennen: La casa è bella ,Das Haus ist schön‘. Adjektive können bisweilen auch rechts statt links von ihrem Bezugsnomen stehen, wobei sich allerdings in manchen Fällen die Bedeutung ändert. Dies zeigt sich beispielsweise an den beiden Sprichwörtern in der Randspalte.

 

Sprichwörter

Gallina vecchia fa buon brodo.
eine.Henne alte (an Jahren) macht eine.gute Suppe

 

Mai lasciare la vecchia strada per quella nuova.
niemals verlassen die alte
(vertraute)
Straße für die neue (unbekannte)

Ob das Adjektiv vor oder nach dem Nomen steht, unterliegt im Italienischen komplizierten Regeln. Sind Adjektive zum Beispiel durch eine Ergänzung oder eine adverbiale Bestimmung erweitert, müssen sie nach ihrem Bezugswort stehen wie in un ragazzo molto bello (wörtlich: ‚ein Junge sehr schöner‘). Bei mehrdeutigen Adjektiven kann die Stellung einen Bedeutungsunterschied mit sich bringen. So ist un vecchio amico ein alter (d. h. langjähriger) Freund, während un amico vecchio ein aufgrund seines hohen Lebensalters alter Freund ist. Auch in anderen Fällen spielt die Bedeutung des Adjektivs eine Rolle bei seiner Stellung vor oder nach dem Nomen.

 

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