12 Das Japanische und das Koreanische

Uli Sauerland und Kazuko Yatsushiro

Auszüge

 

Einleitung

Japanische und koreanische Touristen sind vielen Deutschen ein vertrauter Anblick. Über die Kulturen und Sprachen dieser Region wissen viele jedoch nur wenig. Die Kultur in Japan und in Korea hat sich bis vor weniger als zwei Jahrhunderten weitgehend unabhängig von den europäischen Kulturen entwickelt. Viele in Deutschland haben schon mal den Stil klassischer japanischer Malerei gesehen, wie in dem [folgendebn] Bild (...).

Bild 'Die große Welle von Kanagawa'

Die große Welle vor Kanagawa wurde ca. 1829–1832 von Katsushika Hokusai gemalt.

[Wir zeigen hier das farbige Bild. Im Buch ist das Bild schwarz-weiß gedruckt. Die Herausgeber]

Dieses Bild stammt aus der Edo-Zeit (1603–1868) vor der Öffnung zum Westen hin. In jener Zeit hieß Tokio noch Edo. Seither haben die Japaner und Koreaner gelernt, mit dem Westen zu interagieren und Errungenschaften der westlichen Kultur und Technik aufzugreifen und weiterzuentwickeln, ohne ihre eigenen kulturellen Wurzeln aufzugeben. Wir im Westen finden unsererseits immer wieder Gefallen an Dingen, die aus dem Fernen Osten kommen – seien es Sushi aus Japan oder das Kimchi aus Korea, die Kampfsportarten Judo und Taekwondo oder Mangas, Tamagochis oder Pokemons.

 


Zur Bezeichnung für "Deutschland"

Im Japanischen ist der Landesname "Doitsu", also die Anpassung des Wortes "deutsch" an die japanische Sprache (mehr zu diesem Thema im folgenden Abschnitt). Heutzutage wird "Doitsu" in Japan mit einer der Silbenschriften, dem Katakana, geschrieben, also als ドイツ. Aber vor 100 Jahren wurde Doitsu noch in chinesischen Zeichen geschrieben. Die Koreaner haben aber den Landesnamen Doitsu aus dem Japanischen als chinesische Zeichen übernommen. Dieses Zeichen wurde dann mit der koreanischen Aussprache versehen. Daher wird Deutschland in Korea "Dogil" genannt.

 


Silbenstruktur

Die meisten Silben bestehen nur aus einem Konsonanten (abgekürzt mit K) und einem Vokal (abgekürzt mit V), und der Konsonant steht vor dem Vokal, woraus sich die Struktur KV ergibt. Am Ende einer Silbe kann zum einen ein n vorkommen (manchmal auch als m oder wie ng ausgesprochen), für den es ein gesondertes Hiragana-Zeichen gibt, und zum anderen kann der Anfangskonsonant der folgenden Silbe verdoppelt werden. Nip-pon (einer der japanischen Namen für Japan) mit zwei KVK-Silben ist also ein Extremfall der japanischen Silbenbildung. Typischer sind Wörter wie Ikebana oder Karate, in denen sich Konsonanten und Vokale abwechseln.

Deutsche Wörter mit vielen Konsonanten in Folge wie Strumpf oder Schrank bereiten deshalb Japanern oft Schwierigkeiten. Bei deutschen Namen und anderen Lehnwörtern werden aus diesem Grund im Japanischen u’s eingefügt, um die KV-Silbenstruktur zu erfüllen. So heißt etwa die deutsche Kanzlerin Merukeru, aus Friedrich wird Furiidurichu und aus deutsch wie oben schon erwähnt doitsu.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass einsprachige Japaner Unterschiede wie den zwischen Merkel und Merukeru überhaupt nicht bewusst wahrnehmen: Ihr Gehirn reagiert auf beide gleich. Erst wenn Japaner längere Zeit intensiven Kontakt mit einer anderen Sprache haben, fangen sie an, solche Unterschiede wahrzunehmen. Lehrer sollten also bei japanischen Schülern hier etwas Geduld aufbringen.

 


Vorsicht im Sushi-Restaurant!

Sáke mit fallender Melodie ist der Lachs. Sake mit gleichmäßiger Melodie ist der Reiswein.

Sowohl in der japanischen Silbenschrift als auch in der romanisierten Schrift wird die Akzentuierung des Japanischen nicht erfasst. Diese ist ähnlich wie die Wortbetonung im Deutschen, die ja auch nicht geschrieben wird. Im Japanischen haben manche Wörter einen Akzent, andere Wörter haben keinen. In der Darstellung hier geben wir diesen mit einem ´ über dem Vokal wieder. Der Akzent ist manchmal entscheidend für die Bedeutung: So führen japanische Restaurants meistens sáke (,Lachs‘) und auch sake (,Reiswein‘). Der Akzent wird mit einem Abfallen in der Satzmelodie (von hoch nach tief) gesprochen. Bei sáke (,Lachs‘) wird die erste Silbe mit höherem Ton ausgesprochen als die zweite, während bei dem Getränk sake die Tonhöhe in der Satzmelodie gleich bleibt. Für Deutsche ist es nicht leicht, das richtig auszusprechen. Andere Wörter, die sich nur durch den Akzent unterscheiden, sind háshi (,Essstäbchen‘), hashí (,Brücke‘) und hashi (,Ecke‘) sowie hána (,Nase‘) und haná (,Blume‘). Die Akzentunterschiede werden übrigens in unterschiedlichen japanischen Dialekten verschieden ausgesprochen.

 


Gestutzte Wörter

In einigen Fachgebieten sind in Japan in großem Maße Lehnwörter aus dem Deutschen übernommen worden und dann auch nach Korea gelangt. In Chemie, Pharmazie und Medizin stammen beispielsweise die japanischen Namen der Elemente wie natoriumu (,Natrium‘) und karutsiumu (,Kalzium‘) aus dem Deutschen. Auch im Alpinismus ist deutscher (bzw. österreichischer) Einfluss deutlich bei Begriffen wie hyutte (,Hütte‘), sukigerende (,Ski-Gelände‘), pikkeru (,Pickel‘) und aisubaan (,Eisbahn‘).

Englische und deutsche Fremdwörter werden im Japanischen durch die eingefügten Vokale oft ziemlich lang. Japaner bilden außerdem wie wir Deutschen gern lange Wortzusammenfügungen (sogenannte Komposita). Aber sie sind weniger zimperlich dabei, nützliche Neubildungen oder Lehnwörter wieder auf ein brauchbares Maß zurückzustutzen, indem sie einfach hintere Silben der einzelnen Bestandteile weglassen. Im Deutschen gibt es zwar auch die Abkürzung von Wörtern durch Buchstaben wie in U-Bahn oder AB, aber nicht die Verkürzung auf Silben: Weder Wama noch Waschmasch für ,Waschmaschine‘, weder Faka für ,Fahrkarte‘ noch Eiba für ,Eisenbahn‘ würden verstanden werden. Im Japanischen ist der Prozess des Zurückstutzens (in der englischen Fachliteratur clipping genannt) hingegen häufig und das Ergebnis vorhersagbar. Somit ist es für Japaner leichter, die Bedeutung einer neuen, noch nicht bekannten Verkürzung zu erschließen.

Einige Beispiele für solche Verkürzungen sind:

• handon aus hanbun dontaku (,Halb-Feiertag‘,wie in Deutschland der 24. und 31.12.)
• anime aus animeesyon (,animation‘–,Zeichentrick‘)
• irasuto aus irasutoreesyon (,illustration‘–,Abbildung‘)
• kara-oke aus kara und okesutora (,orchestra‘–,Orchester‘)
• rimo-kon aus rimooto konturoru (,remotecontrol‘–,Fernbedienung‘)
• han suto aus hangaa sutoraiiki (,hungerstrike‘–,Hungerstreik‘) 


Manchmal verbirgt die Verkürzung den tatsächlichen Ursprung eines Wortes: Pokemon kommt uns sehr japanisch vor, ist aber tatsächlich durch Verkürzung aus dem Englischen pocket monster (,Taschenmonster‘) entstanden. Hätte man es also als Taschemon übersetzen sollen? Für das internationale Verständnis unter Jugendlichen ist Pokemon sicher besser.

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