8 Das Persische und das Kurdische

Aria Adli

Auszüge

 

Das Persische und das Kurdische sind zwei verwandte Sprachen, die jedoch in ihren jeweiligen Hauptsprachgebieten einen sehr unterschiedlichen Status haben. Während das Persische die Landessprache des Iran ist, ist das Kurdische die Sprache einer Minderheit ohne eigenen Staat und war in der Geschichte auch politischer Unterdrückung ausgesetzt.

 


Neupersische Dichtkunst

Es gibt eine lange und vielfältige neupersische Literaturgeschichte, in der wir die Werke von Ferdowsi (ca. 940–1021), Khayyam (ca. 1048–1131), Rumi (1207– 1273) oder Hafis (ca. 1325/26– 1389/90) finden, um nur einige Namen zu nennen.

Die folgenden Verse aus dem langen Gedichtwerk „‏مثنوى“ [mæsnævi] ,Masnavi‘ des Dichters und Sufis Dschelaladdin Rumi (persisch: „جلال الدین رومی“) sollen uns ein wenig mit dieser Kunst vertraut machen. Die Übersetzung von der persischen in die deutsche Sprache dieser Zeilen (Z. 110–116) aus dem ersten Buch des Masnavi stammt von der Orientalistin Annemarie Schimmel:

Gedicht in arabischer Schrift

Die Feder eilt im Schreiben kaum zu halten,
Kommt sie zur Liebe, muss sie gleich zerspalten.
Wie ich die Liebe auch erklären will –
Komm ich zur Liebe, schweig’ ich schamvoll still.
Erklärung mag erleuchten noch so sehr,
Doch Liebe ohne Zungen leuchtet mehr!
Verstand: ein Esel, im Morast geblieben –
Erklärung gibt für Liebe, nur das Lieben.



Das Bindeelement Ezafe

Die Ezafe in Namen.

Würde sich der Autor dieses Kapitels ganz normal namentlich vorstellen, dann würde er [ɒrjɒ-je ædli] sagen: ‚Vorname-Ezafe Nachname‘, mit einem speziellen Bindeglied, das in diesem Abschnitt erläutert wird. Würde er sich aber stattdessen mit [ɒrjɒ ædli] vorstellen, also ‚Vorname Nachname‘ wie im Deutschen ohne Ezafe, so klingt das, als würde er sich anmaßen, eine berühmte Persönlichkeit zu sein, deren Namen man bereits kennt! Denn nur bereits bekannte Namen stehen ohne Ezafe.

In diesem Abschnitt wird die Ezafe erläutert, die man sowohl im Persischen als auch im Kurdischen findet. Dabei werden persische Beispiele zur Illustration verwendet.

Zunächst zur Reihenfolge der Elemente in diesen Sprachen innerhalb des Satzgliedes: Demonstrative Artikel und Zahlwörter stehen (wie im Deutschen) vor dem Nomen, wie die persischen Bespiele in این روز [in ruz] ‚dieser Tag‘ oder in سه روز [se ruz] ‚drei Tage‘ zeigen. Dann gibt es Elemente, die dem Nomen folgen und mit ihm ein Satzglied bilden. In den [folgenden] Beispielen (...) ist das ein Adjektiv in (a), der possessive Zusatz Morteza in (b) und eine Ortsangabe zum Nomen in (c). Diese folgen im Persischen und Kurdischen alle auf das Nomen. Die Ezafe ist nun ein Verbindungsglied zwischen dem Nomen und diesen zu ihm gehörigen Elementen. Sie wird an das (erste) Nomen angehängt und steht so zwischen dem Nomen und dem folgenden Ausdruck. In den hier angeführten Beispielen ist die Ezafe durch die Abkürzung „EZ“ in der Wort- für-Wort-Übersetzung angegeben.

Beispiele mit der Ezafe

Im Persischen ist die Ezafe entweder [e] oder [je], abhängig davon, ob davor ein Konsonant oder ein Vokal steht (wobei es auch Unregelmäßigkeiten gibt). Im kurdischen Sorânî-Dialekt wird die Ezafe in der Regel als [i] ausgesprochen.

Wenn mehrere Adjektive zum Nomen gehören, dann tritt die Ezafe auch zwischen den Adjektiven auf, das heißt, jedes weitere Adjektiv wird mit einer neuen Ezafe verbunden wie in (d).

Wenn aber der zum Nomen gehörige Ausdruck ein Relativsatz ist wie in (e), wird er nicht durch eine Ezafe verbunden. Der Relativsatz hat mit seinem Relativpronomen ein eigenes Bindeglied zum Nomen, sodass er die Ezafe nicht zu brauchen scheint.

Die Ezafe verbindet auch Adjektive und Ausdrücke, die zu ihr gehören wie in (f). Darüber hinaus verbindet sie manchmal eine Präposition und ein dazugehöriges Nomen. So sieht man in (c), dass die Ezafe zunächst das erste Nomen mit der folgenden Präposition verbindet und dass dann eine weitere Ezafe die Präposition mit dem zweiten Nomen verbindet. Zwischen Präposition und Nomen steht eine Ezafe bei vielen, aber nicht bei allen Präpositionen.

Die Ezafe verbindet aber nicht Verben mit ihren Objekten oder Subjekten. So ist die Ezafe ein Bindeglied für Wörter innerhalb eines Satzglieded.

 


Übereinstimmung von Objekten und Subjekten mit dem Verb im Kurdischen

(...) Das Kurdische kennt auch die Übereinstimmung mit dem finiten Verb. In (a) ist ein intransitiver Satz gezeigt, also ein Satz, der nur ein Subjekt hat und kein richtiges Objekt. Hier ist es wie im Deutschen: Das finite Verb stimmt mit dem Subjekt überein. Wenn das finite Verb allerdings transitiv ist, also sowohl mit einem Subjekt als auch mit einem Objekt steht, dann zeigt das finite Verb keine Übereinstimmung mit dem Subjekt, sondern mit dem Objekt! So stimmt das Verb in (b) mit dem Objekt dich überein und in (c) mit dem Objekt mich. Und dies ist im Kurdischen ganz regelmäßig. (...) Das ist in etwa so, als würde man im Deutschen *Ich sahst Dich (Beispiel b) bzw. *Du sah mich (Beispiel c) sagen!

(a)   kurd. ez zarok bûm
  PRON.1.SG Kind war.1.SG
   
  ‚Ich war ein Kind.‘
  [nur Subjekt (intransitiv), Vergangenheit]

(b)   kurd. min tu dîtî
  PRON.1.SG PRON.2.SG sah.2.SG
   
  ‚Ich sah Dich.‘
  [Subjekt und Objekt (transitiv), Vergangenheit]

(c)   kurd. te ez dîtim
  PRON.2.SG PRON.1.SG sah.1.SG
   
  ‚Du sahst mich.‘
  [Subjekt und Objekt (transitiv), Vergangenheit]
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