4 Das Polnische und das Tschechische

Joanna Błaszczak

Auszüge

 

Allgemeines zur polnischen und zur tschechischen Sprache

Lautlich sind sich die beiden Sprachen (…) gar nicht so ähnlich. Das Polnische hört sich eher zischelnd an; manche denken an einen Jazz-Schlagzeuger, der mit dem Schlagbesen sachte die Becken bearbeitet. Schon die Begrüßung klingt so: tschäschtsch, geschrieben: cześć. (...) Das Tschechische klingt härter, hat einen klaren Akzent und deutliche lange und kurze Vokale – aber auch dieses merkwürdige r, das den deutschen Musikredakteur bei dem Namen Dvořák ins Schwitzen bringt. Man begrüßt sich, befremdlich für ein Land ohne Küste, mit ahoj. Shakespeare hatte allerdings Tschechien eine Küste verpasst, worauf Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht Und Böhmen liegt am Meer anspielt. Beide Sprachen scheinen dabei streckenweise ganz ohne Vokale auszukommen. (…)

 

Polnischer Zungenbrecher
W Szczebrzeszynie chrząszcz brzmi w trzcinie i Szczebrzeszyn z tego słynie, że chrząszcz brzmi tam w trzcinie.
,In Szczebrzeszyn brummt der Käfer im Schilfrohr, und dafür ist Szczebrzeszyn berühmt, dass dort der Käfer im Schilfrohr brummt.ʻ

 

 

Tschechischer vokalloser Satz (Vielleicht notieren Sie sich zur Sicherheit vor dem Aussprechen die Nummer eines HNO-Arztes).
Strč prst skrz krk! ,Steck den Finger in den Hals!ʻ

 

Zur Aussprache

Außerdem besitzt das Polnische als einzige slawische Sprache (neben dem Kaschubischen) zwei nasale Vokale (ą, ę). Sie entstehen durch die Senkung des weichen Gaumens, sodass die Luft auch durch die Nase entweichen kann. Der nasale Vokal ę wird wie e mit gleichzeitiger nasaler Artikulation ausgesprochen (ähnlich dem französischen Vokal in main [mɛ̃] ,Handʻ); ą steht hingegen für den nasalen Vokal o (ähnlich dem französischen Vokal in bon [bɔ̃] ,gutʻ). Was grafisch als kleines Schwänzchen erscheint und in der Aussprache durch Näseln realisiert wird, kann im Polnischen zu Bedeutungsunterschieden führen. Wenn man von siostrą ,mit der Schwesterʻ die nasale Artikulation weglässt, erhalten wir siostro ,Hallo, Schwester!ʻ; lässt man beim Schreiben das Schwänzchen weg, so erhalten wir siostra ,die Schwesterʻ. (…)
Das r wird im Tschechischen mit der Zungenspitze gerollt (mit mehr Schlägen als das deutsche Zungenspitzen-r). Aber wie soll man sich die Aussprache von ř (wie im Namen des berühmten Komponisten Dvořák) vorstellen? Das geht in etwa so: Artikulieren Sie bitte ž [ʓ] (oder š [ʃ]) bei gleichzeitig rollender Zunge (wie bei r [r]). (Dieser Laut hat eine Ähnlichkeit, aber nur entfernt, mit dem deutschen rsch wie in Barsch.)


Zur Wortbildung

Das Deutsche zeigt bekanntlich eine notorische Vorliebe für die Wortzusammensetzungen. Hingegen spielt die Komposition im Polnischen und Tschechischen, und ganz allgemein in slawischen Sprachen, eher eine marginale Rolle. Stattdessen finden wir im Polnischen und Tschechischen oft Beschreibungen mit mehreren Wörtern. Während der Deutschsprachige in einer Bahnhofskneipe einen Geflügelsalat isst und dazu vielleicht einen Apfelsaft trinkt und sich nach der Abfahrtszeit seines Zuges erkundigt, wird eine Polnischsprachige in einer knajpa dworcowa sitzen, sałatka z drobiu essen, dazu einen sok jabłkowy trinken und sich nach der czas odjazdu ihres Zuges erkundigen. Wörtlich spricht die Polin also von einer ,bahnhöflichen Kneipeʻ, dem ,Salat aus Geflügelʻ, dem ,apfelnen Saftʻ und der ,Zeit der Abfahrtʻ. (…)
Tschechen sind hingegen besonders hartnäckig, wenn es um die Kennzeichnung weiblicher Formen geht. Wie in anderen slawischen Sprachen kann man von einem Familiennamen eine weibliche Form, meist durch das Suffix -ová, ableiten – ähnlich wie dialektal auch im Deutschen, die Filserin für Frau Filser. Aber in Tschechien wird dieses Prinzip auch auf ausländische Namen angewandt – so liest man in der Zeitung über Angela Merkelová.


Zur Wortstellung

Auch die Stellung der Ausdrücke innerhalb einer Nominalgruppe ist freier als im Deutschen. So können zum Beispiel Adjektive dem Nomen vorangehen oder folgen. Oft hat das auf die Bedeutung keinen Einfluss: nocny dyżur (wörtlich: ,nächtlicher Dienstʻ) und dyżur nocny bedeuten beide ,Nachtdienstʻ. In anderen Fällen hat dies aber durchaus Folgen. Wenn Sie beim Frisör eine Pferdeschwanzfrisur haben wollen, so sollten Sie einen koński ogon (wörtlich: ,pferdenen Schwanzʻ), aber nicht einen ogon koński verlangen – Letzteres hat nur die wörtliche Bedeutung im Sinne von ,Schwanz eines Pferdesʻ.


Zu weiteren Besonderheiten der Grammatik

Die mehrfache Fragewortvoranstellung ist nicht das Einzige, was Polen und Tschechen gern mehrfach tun. Sie verneinen auch mit Leidenschaft. Der tschechische Satz Nikdo knihu nekoupil (wörtlich: ,Niemand kaufte das Buch nichtʻ) heißt nicht etwa, dass sich alle um das Buch gerissen haben, sondern dass keiner es gewollt hat. Negationswörter können fast beliebig oft im Satz auftreten (…).
Die Negationsharmonie hat eine unerfreuliche Konsequenz. Einer der ältesten Witze der Menschheit lässt sich damit nicht mehr richtig darstellen. Wäre Odysseus Pole gewesen, hätte er gegenüber dem Zyklopen Polyphem nicht so viel Erfolg gehabt. Der Satz Niemand hat mir das Augenlicht geraubt ist, wörtlich übersetzt, im Polnischen nicht mehrdeutig, sondern ungrammatisch.


Zum Lexikon und Sprachverwendung

Weniger genau nehmen es die Sprachen mit dem Bezug auf die Gliedmaßen des Menschen: (…) [noha bedeutet] im Tschechischen sowohl ,Beinʻ als auch ,Fußʻ, und ruka ist sowohl ,Handʻ als auch ,Armʻ. Im Polnischen (und ähnlich auch im Tschechischen) gibt es nur ein Wort für ,Fingerʻ und ,Zehʻ: palec. Um zu differenzieren, dass zum Beispiel ein Zeh und nicht ein Finger gemeint ist, muss man es explizit angeben (vgl. palec u nogi (,beim Fußʻ) versus palec u ręki (,bei der Handʻ)).

 

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