13 Das Hindi und Urdu sowie das Romani

13.2 Das Romani

Barbara Schrammel-Leber

Auszüge

 

Zur Geschichte der Roma und des Romani

[Das Romani wird] von den Sinti und Roma in Europa gesprochen (...). Romani gehört wie Hindi und Urdu zum indoarischen Zweig der indoeuropäischen Sprachfamilie. (...) Die indische Herkunft der Roma wurde durch systematische Vergleiche des Romani mit anderen neu-indoarischen Sprachen sowie mit dem Altindischen erwiesen. Aus lexikalischen Besonderheiten des Romani kann man schließen, dass die Roma über Persien, Armenien und Kleinasien, das Teil des Byzantinischen Reiches war, nach Europa zogen. Der genaue Zeitpunkt, zu dem die Vorfahren der heutigen Roma den indischen Subkontinent verlassen haben, ist nicht bekannt, denn es gibt keinerlei historische Aufzeichnungen darüber. Allerdings geben sprachliche Eigenschaften des Romani Hinweise darauf, dass die Vorfahren der Roma sich zwischen dem 3. und 10. Jahrhundert auf den Weg gemacht haben müssen. Über den Grund für diese Emigration wird bis heute spekuliert.

  Textprobe aus dem Gurbet-Romani
 

Gurbet-Romani wird in allen Staaten des ehemaligen Jugoslawiens sowie in der Diaspora in ganz Europa gesprochen.

  JEK KUĆIN ĆIŠAJ SEM ME,
čhudino pe maj šuko agor e lenaći,
pherdo truš pala lako paj.
EIN SANDKORN BIN ICH,
an den äußersten Rand des Flussbetts geworfen,
dürstend nach der Strömung des Wassers.
  Jekh kućin ćisaj sem me
tala maj baro phabaripe
e khameso,

sao rodel than
tala piri učhalin.
Ein Sandkorn

in der sengenden Hitze
der Sonne,

das Zuflucht sucht

im eigenen Schatten.

Nach ihrer Ankunft in Europa im 15. Jahrhundert verteilten sich einzelne Romagruppen im Laufe der Jahrhunderte über die verschiedenen Länder und wanderten im Zuge späterer Migrationsbewegungen teilweise bis nach Nord- und Südamerika und Australien. Die Geschichte dieses Volkes ist von jahrhundertelanger Diskriminierung, Stigmatisierung und Verfolgung geprägt, deren negativen Höhepunkt schließlich der Nazi-Genozid darstellt. (...)

Die oft als typisch für Roma angesehene nomadische Lebensweise ist mehr Symptom der Lebensumstände von Roma in Europa als ein Spezifikum der Roma-Kultur. Stets am Rande der Gesellschaft, konnten sich Roma über lange Zeit nur als selbstständige Handwerker, Händler und Musiker ihr Überleben sichern. Einige Romagruppen gingen diesen mobilen Dienstleistungsberufen bis ins 20. Jahrhundert nach. Spätestens mit dem Verschwinden der Marktkultur und einem flächendeckenden Angebot an Waren und Diensten aller Art auch im ländlichen Bereich wurden die Dienste der Roma obsolet. Heute ist die Mehrheit der Roma in Europa sesshaft, viele Gruppen schon seit mehreren Jahrhunderten.

  Voreuropäischer und europäischer Wortschatz des Romani
  kham < indisch: gharma ‚Sonne‘
  veš < iranisch: veša ‚Wald‘
  khoni < armenisch: khoni ‚Fett‘
  drom < griechisch: drómos ‚Weg‘
  praxo < slawisch: prax ‚Staub‘
  lumja < rumänisch: lume ‚Welt‘
  kolopa < ungarisch: kalap ‚Hut‘
  berga < deutsch: Berg ‚Berg‘



Aspirierte Laute wie im Hindi-Urdu

Die meisten Laute des Romani finden sich auch in anderen europäischen Sprachen. Eine Besonderheit im europäischen Kontext bilden allerdings die behauchten Laute ph, th, kh sowie čh (in Lautschrift [ph, th, kh] sowie [ʧh]). Diese werden in Abschnitt 13.1.3 [für Hindi und Urdu] beschrieben. Ob Aspiration vorliegt oder nicht, ist wie im Hindi und Urdu entscheidend für die Unterscheidung von Wörtern. Dies zeigen die Minimalpaare in der Randspalte.

  Behauchung unterscheidet Wörter
  perav ,ich falle‘
 pherav ,ich fülle‘
  tav ,koch!‘    thav ,Faden‘
  ker ,mach!‘   kher ,Haus‘

 


Kasus

Das Romani besitzt die zwei Genera Maskulinum und Femininum, die zwei Numeri Singular und Plural sowie acht Kasus.

Ein eindeutig indoarisches Merkmal der Nominalflexion ist das zweistufige Kasussystem, das heißt die Unterscheidung eines Casus rectus (Nominativ) und eines Casus obliquus (Obliquus) (siehe hierzu auch Abschnitt 13.1 [zum Hindi und Urdu]). Vom Obliquus werden alle weiteren fünf sekundären Kasus – Dativ, Ablativ, Lokativ, Instrumental/Soziativ und Genitiv – abgeleitet. Wäh- rend der Instrumental für das Instrument, das für eine Handlung benutzt wird, verwendet wird, zeigt der formgleiche Soziativ an, dass man etwas gemeinsam mit einer anderen Person macht. Der Vokativ stellt eine Sonderform dar und steht außerhalb des zweistufigen Kasussystems. Die Beispiele in der Randspalte geben einen Eindruck von der Nominalflexion im Romani. Die fett gedruckten Markierungen zeigen die Obliquusendungen an, die übrigen Kasusendungen sind kursiv gedruckt.

  Nominalflexion von ,Mädchen‘
    Singular
Plural
  Nominativ rakl-i rakľ-a
  Obliquus rakľ-a rakľ-en
  Dativ rakľ-a-ke rakľ-en-ge
  Ablativ rakľ-a-tar rakľ-en-dar
  Lokativ rakľ-a-te rakľ-en-de
  Instrumental/Soziativ rakľ-a-sa rakľ-en-ca
  Genitiv rakľ-a-kero rakľ-en-gero
  Vokativ rakľ-ije rakľ-ale(n)

 


Genitive im Romani

Genitivformen fungieren wie Adjektive als Attribute eines Nomens und kongruieren mit diesem in Genus und Numerus. Solche Genitivkonstruktionen bezeichnen oft Sachverhalte, die im Deutschen mit einem Kompositum ausgedrückt werden, zum Beispiel dilengo kher ‚Irrenhaus‘ (dil-o ‚dumm‘, Genitiv Plural dil-engo, kher ‚Haus‘; wörtlich: ,der Dummen Haus‘) oder bakresko mas ‚Schaffleisch‘ (bakr-o ‚Schaf‘, Genitiv Singular bakr-esko, mas ‚Fleisch‘; wörtlich: ,des Schafes Fleisch‘).

 

‚Land des Käses‘ und ‚Stadt des Salzes‘

Im Sinti-Romani werden Genitivkonstruktionen für den Ausdruck von Ortsnamen verwendet: kiralengro them ‚Schweiz‘, wörtlich: ‚Land des Käses‘ (kiral ‚Käse‘, Genitiv Plural kiral-engro, them ‚Land‘) oder loneskaro foro ‚Salzburg‘, wörtlich ‚Stadt des Salzes‘ (lon ‚Salz‘, Genitiv Singular lon-eskro, foro ‚Stadt‘). Alleinstehende, nominal verwendete Genitivformen sind im Sinti-Romani ein Mittel der Wortneuschöpfung. Besonders häufig findet man diese Wortbildungsart zur Bezeichnung dessen, der mit etwas zu schaffen hat, wie graj-engro ‚Pferdehändler‘ (graj ‚Pferd‘), mas-engro ‚Fleischer‘ (mas ‚Fleisch‘), drom-engro ‚Briefträger‘ (drom ‚Weg‘), veš-eskro ‚Förster‘ (veš ‚Wald‘) etc. Das ist ein wenig so, als würde man im Deutschen sagen ‚der der Pferde‘, ‚der des Fleisches‘ etc.

 


Entlehnungen aus anderen Sprachen

Ein weiterer wichtiger Mechanismus für die Bereicherung des Wortschatzes im Romani ist die Entlehnung von Wörtern aus anderen Sprachen. Jedes Wort der aktuellen Kontaktsprache ist ein potenzielles Romani-Lexem, das bei Bedarf integriert werden kann. Romani verfügt sowohl im Nominal- als auch im Verbalbereich über spezielle Vor- und Nachsilben, die zur Integration von entlehnten Wörtern verwendet werden. Im Sinti-Romani werden feminine Nomen aus dem Deutschen mit - a integriert, maskuline mit der Endung -o: blum-a ‚Blume‘, amt-o ‚Amt‘. Zur Integration von Verben wird im Sinti-Romani die Nachsilbe -ev- verwendet: bet-ev-el ‚er/sie betet‘, flext-ev-el ‚er/sie flechtet‘, flik-ev-el ‚er/sie flickt‘.

 


Anrede

Je nach Alter des Gesprächspartners oder der Gesprächspartnerin verwendet man Anredeformen, die Verwandtschaftsbeziehungen ausdrücken. Einen Jungen bzw. einen Mann, der jünger oder ungefähr im selben Alter ist wie die Sprecherin oder der Sprecher selbst, spricht man mit phrala (‚Bruder‘) an, zu einem etwas älteren Mann sagt man kako (‚Onkel‘). Einen Mann ab ca. 65 Jahren nennt man auch papo (‚Großvater‘). Zu einem sehr jungen Mädchen sagt man mi čhaj (‚meine Tochter‘), eine gleichaltrige Frau wird phene (‚Schwester‘) und eine etwas ältere Frau bibije (‚Tante‘) genannt. Diese Formen auf -a und -e entsprechen dem Vokativ. Es ist aber auch möglich, statt des echten Vokativs (also statt phrala!) mo phral! (‚mein Bruder‘) und (statt phene!) mi phen! (‚meine Schwester‘) zu sagen.

 


Begrüßen und Verabschieden

Sehr viel Wert legen Roma auf respektvolle Umgangsformen miteinander – vor allem älteren Personen gegenüber. In der Romakultur wünscht man dem Begrüßten typischerweise Glück und Gesundheit. (...) Die folgenden Beispiele sind aus dem Kalderaš-Romani.

  Begrüßungen
  Tʼ aves sasto/sasti taj baxtalo/baxtali! (m/f) ,Dass du gesund seist und glücklich!‘
  Tʼ aves vi tu! ,Das seist du auch!‘
  Tʼ aven saste taj baxtale! ,Dass ihr/Sie gesund seid/sind und glücklich!‘
  Tʼ aven vi tume! ,Das seid/seien ihr/ Sie auch!‘
  Laśo ďes! ,Guten Tag!‘
  Majmištořo! – Maj najis! ,Es soll dir besser gehen! – Danke!‘
  Droboj tu(t)! Droboj tume! ,Leben sollst du! Leben sollt ihr/sollen Sie!‘
  Verabschiedungen
  Aś Devlesa! Aśen Devlesa! ,Bleib/t mit Gott!‘ (sagt der Gehende)
  Źa Devlesa! Źan Devlesa! ,Geh/t mit Gott‘ (sagt der Bleibende)
  Devlesa! ,Mit Gott!‘

 

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