15 Das Italienische und das Rumänische

15.2 Das Rumänische

Eva-Maria Remberger

Auszüge

 

Deutsch und Rumänisch

Die deutsche Sprache gehört zur rumänischen Kultur, auch wenn manche der in Teilen deutschsprachigen Gebiete erst später zu Rumänien gekommen sind (etwa Siebenbürgen) oder nicht mehr zu Rumänien gehören (etwa die nördliche Bukowina). In den Siebenbürger Städten gibt es deutsche Schulen und Gymnasien, die längst von mehr Rumänen als Deutschen besucht werden, und in der Hauptstadt Bukarest kann man das Goethe-Kolleg besuchen, ein deutschsprachiges Gymnasium. Das Deutsche gilt als Kultursprache und wird von vielen gebildeten Rumänen gesprochen. Der rumänische Nationaldichter Mihail Eminescu hat sogar drei Jahre lang (1871–1874) in Berlin studiert, das dortige rumänische Kulturinstitut ist nach ihm benannt.

 


Der definite Artikel

  Rumänisches Sprichwort
  Apa trece, pietrele rămân. ‚Das Wasser fließt vorbei, aber die Steine bleiben.‘


Das Rumänische verfügt wie alle romanischen Sprachen über bestimmte und unbestimmte Artikel. Eine typologische Besonderheit des Rumänischen ist, dass es den definiten Artikel ans Wortende anhängt (Ähnliches finden wir z. B. im Schwedischen, aber auch im Bulgarischen und Albanischen; Kapitel 9 und 17): Es heißt also un om ‚ein Mann‘, un câine ‚ein Hund‘, aber omul‚der Mann‘, câinele‚der Hund‘. Ebenso ergeht es dem femininen Artikel, wobei hier im Singular eine Verschmelzung mit der Deklinationsendung erfolgt: O casă ‚ein Haus‘, aber casa‚das Haus‘ – die Unterscheidung zwischen a [a] und ă [ǝ] ist also auch in der Flexion relevant. Im Plural heißt es oameni ‚Männer‘, case ‚Häuser‘, aber oamenii‚die Männer‘, casele‚die Häuser‘. Zudem steht der Artikel auch bei Substantiven, die durch ein besitzanzeigendes Fürwort begleitet werden. Letztere zeigen Übereinstimmung wie im Italienischen, sind aber im Gegensatz zum Italienischen ebenfalls nachgestellt: Prietenul meu ‚mein Freund‘ (eigentlich ‚Freund-der meiner‘), prietena mea ‚meine Freundin‘ (eigentlich ‚Freundin-die meine‘).

 


Wortstellung und leichte (klitische) Pronomen

Das Rumänische erlaubt, wie die meisten der anderen romanischen Sprachen auch, leere Subjekte. Es ist in seiner Wortstellung zwar grundsätzlich SVO, aber ähnlich frei wie das Spanische, das heißt, es erlaubt auch viel häufiger Subjekte, die nach dem Verb stehen, als etwa das Italienische. Ein Beispiel: [a răsturnat]V [pisica]S [paharul]O ‚die Katze hat das Glas umgeschmissen‘ (wörtlich: ‚hat umgeschmissen Katze-die Glas-das‘). Wie das Italienische verfügt das Rumänische über eine Reihe von klitischen (unbetonten und sich an Verbformen angliedernden) Pronomina, die Satzglieder ersetzen und – noch öfter als im Italienischen – verdoppeln können oder müssen: l-a răsturnat pisica (wörtlich: ‚es-hat umgeschmissen Katze- die‘), paharul l-a răsturnat pisica (wörtlich: ‚Glas-das es-hat umgeschmissen Katze-die‘). (...)

Außerdem markiert das Rumänische, ähnlich wie das Spanische, manche direkte Objekte, ganz besonders zum Beispiel individualisierte direkte Objekte, die für eine bestimmte Person stehen, mit einer Präposition (pe): Es heißt also Am văzut câinele ‚Ich habe den Hund gesehen‘, aber L-am văzut pe băiatul tău ‚Ich habe deinen Freund gesehen‘. Wie man an diesen Beispielen sehen kann, wird im Fall dieses sogenannten präpositionalen Akkusativs auch eine Doppelung des Objekts durch ein unbetontes Pronomen notwendig. Man sagt also eigentlich ‚ich habe ihn gesehen „pe“ deinen Freund‘.

 


 

Falsche Freunde

rumänisch deutsch
cald ‚warm‘ kalt
prost ‚dumm‘ Prost!
da ‚ja‘ da
concurs ‚Wettbewerb‘ Konkurs

 


Textbeispiel
(Anfang des Gedichts Revedere von Mihail Eminescu (1850–1889))

Man beachte die drei Vokativformen in den ersten beiden Zeilen: codrule ‚oh Wald‘, codruțule ‚oh Wäldchen‘ mit dem (lateinischen) Diminutivsuffix -uț sowie das slawische Lehnwort drag für ‚lieb‘, wieder im Diminutiv, drăguțule, also eigentlich ‚oh du kleiner Lieber‘; ce mai faci, eigentlich ‚was machst du so‘, ist die rumänische Formel für Wie geht es dir?; das Wort vreme für ‚Zeit‘ ist aus dem Slawischen entlehnt ebenso wie die Bedeutung ‚Welt‘ für lume. Man sieht auch sehr schön, dass das Hilfsverb im rumänischen Perfekt immer ‚haben‘ ist, also am văzut ‚ich habe gesehen‘, a trecut ‚es ist (wörtlich: hat) vorbeigegangen‘, am depărtat ‚ich bin (wörtlich: habe) abgereist‘, am îmblat ‚ich habe durchlaufen‘.

Codrule, codruțule,
 ,Wald, mein alter Traumgeselle,
Ce mai faci, drăguțule, Stehst du noch auf deiner Stelle?
Că de când nu ne-am văzut Seit wir uns zuletzt gesehn,
Multă vreme a trecut Ist so mancherlei geschehn;
Și de când m-am depărtat, Seit ich dich, mein Freund, verlassen,
Multă lume am îmblat. Schlug ich mich durch viele Straßen!‘
(...) (...)

Der Text und die Übersetzung folgen dieser Ausgabe: Mihai Eminescu: Poezii. Gedichte. România Press: Bukarest 2007 [Antologia Lirică Orfeu 11]

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