10 Das Russische und das Ukrainische

Natalia Gagarina

Auszüge

 

Russisch, русский язык (russkij jazyk), und Ukrainisch, українська мова (ukrajins’ka mova), gehören zu den modernen ostslawischen Sprachen. Die dritte im Bunde ist Weißrussisch, беларуска мова (belaruska mova) oder тарашкевіца (taraškevica). Generell betrachtet man die ostslawischen Sprachen als „melodische“ Sprachen. Das Ukrainische mit seiner stark ausgeprägten Tendenz zu offenen Silben gilt als die melodischste von allen: Die Muttersprachler nennen sie sogar спiвуча мова (spivuča mova) ‚melodische Sprache‘.

Russisch und Ukrainisch: Wie verschieden voneinander?

Alle Wörter sind gleich:

Ja pišu za stolom. (russ.)
Ja pišu za stolom. (ukr.)
‚Ich schreibe am Tisch.‘

Alle Wörter sind unterschiedlich:

Prepodavatel’ neravnodušno otnositsja k vospitannikam. (russ.)
Vykladač nebajduže stavyt’sja do vychovanciv. (ukr.)

‚Dem Lehrer sind die Schüler nicht egal.‘

Puškin

Puškin, der berühmteste russische Dichter, wurde Ende des 18. Jahrhunderts geboren und erlag 1837 den Schussverletzungen eines Duells. Der beste Schüler eines Elite-Lyzeums in Царское село (Carskoe Selo) in der Nähe von St. Petersburg hatte schon dort seine ersten Gedichte geschrieben. Durch seine Unterstützung der adligen Revolutionäre der „Dekabristen“, seine freiheitsliebenden, kritisch gegen die Regierung gerichteten Gedichte und atheistischen Sprüche wurde er mehrmals aus St. Petersburg und Moskau vertrieben. Sein berühmtestes Werk, den Versroman Eugen Onegin, hat Pёtr I. Čajkovskij zu einer Oper vertont.

Portrait von Puschkin

[Wir zeigen hier das farbige Portrait. Im Buch ist das Portrait schwarz-weiß gedruckt. Die Herausgeber]

Die literarische Zeit nach Puškin bis hinein in die sowjetische Zeit ist durch eine ganze Reihe von weltberühmten Schriftstellern wie Fёdor M. Dostojevskij, Anton P. Čeсhov, Nikolaj V. Gogol’, Ivan S. Turgenev, Lev N. Tolstoj, Maksim Gor’kij, sowie Dichtern wie Michail Ju. Lermontov, Sergej A. Esenin und Vladimir V. Majakovskij geprägt.

 


Flexion

Wie die meisten europäischen Sprachen sind auch die ostslawischen Sprachen flektierend, das heißt, die Gestalt eines Wortes ändert sich im Satzzusammenhang, und zwar in größerem Maße als im Deutschen. Dafür kennen diese Sprachen jedoch keine Artikel. Darüber hinaus kennt das Russische keine Kopula im Präsens und auch keine Hilfsverben im Perfekt (wie haben und sein). Das Fehlen von Artikeln bedeutet nicht, dass man Definitheit („ein bestimmtes Objekt“) oder Indefinitheit („ein Objekt dieser Art“) nicht ausdrücken kann: Im Russischen kann für die Indefinitheit das Zahlwort ein verwendet werden, das mit dem Bezugsnomen kongruiert (d. h. in den grammatischen Merkmalen Numerus, Kasus und Genus übereinstimmt), wie odna (kakaja-to) studentka ‚eine (irgendeine) Studentin‘. Ferner kann man eine Art von Definitheit bzw. Begrenztheit bei nicht zählbaren Nomen wie Wasser mithilfe des Genitivus partitivus ausdrücken: Für ‚etwas Wasser trinken‘ wird demnach der Genitiv verwendet (vgl. воды (vody) für ‚etwas Wasser trinken‘). Dagegen würde die Verwendung des Akkusativs воду (vodu) ausdrücken, dass man das ganze Wasser getrunken hat.

Auch der Aspekt des Verbs (der ausdrückt, ob eine Handlung andauert oder abgeschlossen ist) kann zum Ausdruck von Definitheitsunterschieden herangezogen werden. Die Bedeutung von ‚Hast du einen ...‘ bzw. ‚Hast du den Film von Petersen gesehen‘ wird in etwa im ersten Fall durch ein imperfektives, im zweiten durch ein perfektives Verb ausgedrückt. Die russischen Beispiele sind Ты смотрел фильм Петерсена? (Ty smotrel.IMPERFEKTIV fil’m Petersena?) und Ты посмотрел фильм Петерсена? (Ty posmotrel.PERFEKTIV fil’m Petersena?). (...)

Das Genus der Substantive ist im Russischen und Ukrainischen einfach zu erkennen. In der Regel enden Maskulina auf Konsonanten (außer z. B. папа (papa) ‚Vater‘, дедушка (deduška) ‚Opa‘‚ юноша (junoša) ‚junger Mann‘ im Russischen, батько (bat’ko) ‚Vater‘ im Ukrainischen), Feminina haben die Endung -a, und Neutra enden auf -o oder -e. Es gibt jedoch in beiden Sprachen „schwierige“ Fälle: Das sind die russischen/ ukrainischen Nomina mit ь am Ende, die sowohl Femininum (z. B. тень/тiнь (tenʼ/tin’) ‚der Schatten‘) als auch Maskulinum (z. B. январь/січень (janvar’/sičen’) ‚der Januar‘) sein können. Die Genusmarkierung kommt bei den Zahlen ‚eins‘ und ‚zwei‘ vor, also im Ukrainischen die Form dva für Maskulinum und dvi für Femininum: два брати (dva brati) ‚zwei Brüder‘, aber двi ночi (dvi noči) ‚zwei Nächte‘.

Eigennamen im Russischen

Die Eigennamen verändern sich nach dem Geschlecht. Die Mitglieder einer Familie haben somit unterschiedliche Varianten eines Nachnamens:

Aleksandr Lukov (Vater)
Aleksandra Lukova (Mutter)
Valentin Lukov (Sohn)
Valentina Lukova (Tochter)

Eigennamen mit einem o am Ende bleiben beim weiblichen und männlichen Geschlecht unverändert: Julja Morozko und Julij Morozko.

 


Entlehnungen im Ukrainischen

[D]as Ukrainische kennt einige deutsche Entlehnungen, wie dach ‚Dach‘, drit ‚Draht‘, farba ‚Farbe‘, lichtar ‚Leuchter‘, maljuvaty ‚malen‘. Über das Polnische wurden unter anderem mušlja ‚Muschel‘, al’tanka ‚Altan‘ eingeführt sowie zahlreiche direkte polnische Entlehnungen, zum Beispiel ljustro (poln. lustro) ‚Spiegel‘, propozycija (poln. propozycja) ‚Vorschlag‘, blakytnyj (poln. błękitny) ‚himmelblau‘.

 

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