16 Das Spanische und das Portugiesische

Georg A. Kaiser

Auszüge

 

Zur Geschichte und zu manchen Besonderheiten im Wortschatz

Die Geschichte des Spanischen und Portugiesischen beginnt mit der Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Römer in Verbindung mit dem Zweiten Punischen Krieg (218–201 v. Chr.). Dabei trafen die Römer, die die Halbinsel nach der phönizischen Bezeichnung itsephantim (‚Hase‘) Hispania benannten, auf zahlreiche Volksstämme (...). Mit Ausnahme des Baskischen sind alle Sprachen dieser Volksstämme im Zuge der römischen Eroberung ausgestorben. Allerdings haben die Sprachen dieser Völker Einflüsse auf die entstehenden iberoromanischen Sprachen ausgeübt und ihnen besondere Merkmale gegeben. Eine markante Entwicklung des Spanischen, für die ein solcher Einfluss geltend gemacht wird, ist der weitgehende Verlust des f-Anlautes in Erbwörtern aus dem Lateinischen (...).

  Erhalt und Verlust von Anlaut-f in den iberoromanischen Sprachen
  Sehr viele Wörter, die im Spanischen mit einem – heute nicht mehr gesprochenen – h am Wortanfang geschrieben werden, beginnen in den übrigen iberoromanischen Sprachen mit f, wie es im Lateinischen der Fall war. Viele Sprachwissenschaftler führen diesen Unterschied auf den Einfluss des Baskischen zurück, von dem angenommen wird, dass es keine f- anlautenden Wörter kannte. Für diese Annahme spricht unter anderem, dass in den anderen iberoromanischen Sprachen, die nicht durch das Baskische beeinflusst worden sind, das lateinische Anlaut-f erhalten geblieben ist.
  lateinisch spanisch portugiesisch katalanisch deutsch
  facere hacer fazer fer ,machen‘
  ferru(m) hierro ferro ferro ,Eisen‘
  ficu(m) higo figo figa ,Feige‘
  filiu(m) hijo filho fill ,Sohn‘
  folia(m) hoja folha fulla ,Blatt‘

Einen anderen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung der romanischen Sprachen übten diejenigen Völker aus, die sich nach dem Ende des Römischen Reiches in bereits romanisierten Gebieten niederließen und die dort gesprochenen romanischen Mundarten übernahmen. Für die Iberische Halbinsel sind hier vor allem die germanischen Volksstämme der Sueben, die sich im Norden ansiedelten, und der Westgoten zu nennen, die ab 460 n. Chr. ihr westgotisches Reich mit dem Zentrum Toledo errichteten. Im Jahre 711 wurde deren Herrschaft durch den Einfall der Araber beendet, die fast acht Jahrhunderte auf der Iberischen Halbinsel blieben. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche Wörter, die in die iberoromanischen Sprachen entlehnt wurden.

  Arabismen in den romanischen Sprachen
  Viele Sprachen in Europa haben im Mittelalter zahlreiche Wörter, insbesondere wissenschaftliche Fachbegriffe, aus dem Arabischen entlehnt. Im Spanischen und Portugiesischen sind aufgrund des jahrhundertelangen Kontakts besonders viele Wörter entlehnt worden. Besonders interessant ist hierbei, dass bei den meisten dieser Entlehnungen der arabische Artikel a(l) mit übernommen wurde. Bei den arabischen Lehnwörtern in anderen romanischen Sprachen ist der Artikel hingegen meist nicht erhalten geblieben, wie die folgenden Beispiele illustrieren.
  spanisch portugiesisch französisch italienisch deutsch
  azúcar açúcar sucre zucchero ‚Zucker‘
  almacén armazém magasin magazzino ‚Geschäft, Lager‘
  arroz arroz riz riso ‚Reis‘
  azafrán açafrão safran zafferano ‚Safran‘
  algodón algodão coton cotone ‚Baumwolle‘
  aduana alfândega douane dogana ,Zoll‘

 


Zur Aussprache des Spanischen

Trotz der weitgehenden Übereinstimmung zwischen spanischem und deutschem Alphabet weicht die Aussprache der jeweiligen Laute, vor allem der Konsonanten, in beiden Sprachen teilweise stark voneinander ab. Kennt man allerdings die Aussprache und die entsprechenden Regeln, ist die spanische Orthografie sehr regelmäßig und einfach.

Die Buchstaben b und v (sowie w) werden im Spanischen meist identisch ausgesprochen, und zwar am Wortanfang oder nach einem Nasal als Verschlusslaut [b] (z. B. bajo [baxo] ,niedrig‘, enviar [embjar] ‚senden‘) und ansonsten als Reibelaut [β] (abajo [aβaxo] ‚unten‘, avión [aβiɔn] ‚Flugzeug‘). (...) Mögen Sie unsere espanischen Beine?

 


Subjektpronomen

Eine typische Eigenschaft des Spanischen und Portugiesischen betrifft die Verwendung der Subjektpronomina. Wie die meisten romanischen Sprachen – Französisch ist hier eine Ausnahme – verfügen beide Sprachen über die sogenannte Null-Subjekt-Eigenschaft. Sie können in einem Satz wie Wir kaufen ein Buch das Subjektpronomen wir auslassen: span. Compramos un libro, port. Compramos um livro. Es wird nur verwendet, wenn der Sprecher es betonen möchte oder unklar ist, über wen gesprochen wird: span. Nosotros compramos un libro, port. Nós compramos um livro.

 

Schwierigkeiten für Deutschlerner: Auslassung des Subjekts

Eine Schwierigkeit für spanisch- oder portugiesischsprachige Lerner des Deutschen stellt der Erwerb des korrekten Gebrauchs des Subjektpronomens dar, da anders als in ihrer Muttersprache das Subjektpronomen im Deutschen generell ausgedrückt werden muss. So kann es vor allem zu Beginn des Erwerbs häufig zu fehlerhaften Subjektauslassungen kommen. Besondere Schwierigkeiten bereitet der Erwerb der unpersönlichen Verben, für die es im Spanischen und Portugiesischen keine Entsprechungen gibt. So passiert es häufig, dass ein Satz wie Gestern gab es ein Gewitter ohne das Wörtchen es realisiert wird. Besonders problematisch ist die Tatsache, dass man im – umgangssprachlichen – Deutschen das Subjektpronomen weglassen kann, wenn es in der Anfangsposition steht (man nennt das topic drop): Es ist möglich zu sagen Komme gleich wieder, aber nicht Gleich komme wieder. Für Sprecher einer Sprache, in der das Subjektpronomen generell weggelassen werden kann, ist es relativ schwierig, diese besonderen Auslassungsregeln zu erkennen.

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