6 Das Türkische

Christoph Schroeder und Yazgül Şimşek

Auszüge

 

Geschichte

Das Türkische wurde lange mit arabischen Buchstaben geschrieben. Zu den Europa-orientierten Reformen Atatürks gehörte auch eine grundlegende Schrift- und Sprachreform. So wurde ein lateinisches Alphabet (also eines mit Buchstaben, wie wir sie auch im Deutschen verwenden) für das Türkische entwickelt, das seit 1928 verbindlich verwendet wird. Die staatliche Türkische Sprachgesellschaft (Türk Dil Kurumu) begann ein ehrgeiziges Projekt der Etablierung einer Standardsprache auf der Basis des Istanbuler Dialekts des Türkischen. Diese sollte sich signifikant von der osmanischen Hochsprache (Osmanlıca) unterscheiden, die im Laufe des jahrhundertelangen intensiven Kulturkontakts mit dem Arabischen und dem Persischen viele Elemente aus diesen Sprachen aufgenommen hatte. Die Schrift- und Sprachreform fand zeitgleich mit der Literalisierung der Gesellschaft statt, und so entstand aus dem Zusammenspiel zwischen Republiksgründung, Schrift- und Sprachreform und Modernisierung der Gesellschaft eine hohe symbolische Bedeutung der Standardsprache für die Einheit der Gesellschaft, die spürbar geblieben ist.


Aussprache und Schrift

Die Einführung der Lateinschrift erfolgte fünf Jahre nach der Gründung der Republik am 1. November 1928 per Gesetz. Das Alphabet hat 29 Buchstaben. Bei der Festlegung des Alphabets wurden keine Buchstabenkombinationen zugelassen (wie sch für [ʃ] im Deutschen). Großschreibung wird ähnlich wie im Englischen nur verwendet, um den Satzanfang zu kennzeichnen und Eigennamen hervorzuheben.

(....) Etwas ungewöhnlich ist der türkischer Buchstabe ğ, „weiches G (yumuşak ge)“ genannt. Er wird ähnlich wie das deutsche Dehnungs-h zum Anzeigen eines vorangehenden langen Vokals verwendet. Steht er aber zwischen zwei hellen Vokalen, so zeigt er ein verbindendes [j] in der Aussprache an:

  Buchstabe Beispiel Lautschrift Übersetzung
  ğ değil  [dejil] ‚nicht‘
    oğul [oːul] ‚Sohn‘

Vokale

Sieben der acht türkischen Vokale werden wie im Deutschen geschrieben und ausgesprochen: a, e, i, o, u, ö, ü (...). Das a wird dabei etwas dunkler als im Deutschen ausgesprochen. Ein ä gibt es nicht in der Schrift. Dafür kommt im Türkischen der Vokal ı [ɯ] hinzu. Er ist dunkel und ungerundet, als würde man ein u aussprechen ohne Lippenrundung. Ein wenig ähnelt er dem deutschen Schwa [ə] (am Ende von Kanne [kanǝ]), wird aber mit der Zunge weiter hinten und mit mehr Muskelspannung ausgesprochen. Das türkische Alphabet unterscheidet außerdem auch bei der Großschreibung zwischen i und ı (İ vs. Ι).

  Buchstabe Aussprache wie Lautschrift Beispiel Übersetzung
  İ, i  i [i] iki ‚zwei‘
  Ι, ı  (Kanne) [ɯ] ışık ‚Licht‘

 


Wörter

Für das häufigste Wort im Deutschen, den definiten Artikel, hat das Türkische gar keine Entsprechung – auch dies ein Beispiel für die geringe Zahl von Funktionswörtern. Es gibt allerdings einen unbestimmten Artikel, nämlich das (unbetonte) Zahlwort bir ‚eins‘ wie in bir kadın ‚eine Frau‘ oder genç bir kadın ‚eine junge Frau‘. Er steht übrigens in der Regel nach dem Adjektiv und nicht, wie im Deutschen, davor.

 

Zwölf Wörter im Deutschen, zwei Wörter im Türkischen

  Vejetaryen-leş-tir-eme-dik-ler- imiz-den mi-siniz?
  Vegetarier-werden-machen-nicht-können-die-unsere-von etwa-Sie?
  ‚Gehören Sie zu denen, die wir nicht zu Vegetariern haben machen können?‘

 


Nebensätze im Türkischen

 

  Eve giderken resim aldım.
  nach.Hause gehend Bild kaufte.ich
  Während ich auf dem Weg nach Hause war, kaufte ich ein Bild.‘

 

  Adamın duvara resim asmasını gördüm.
  Mannes.des an.Wand Bild Aufhängen.sein. sah.ich
  ‚Ich sah, wie der Mann das Bild an die Wand gehängt hat.‘

 

Nebensätze im Türkischen unterscheiden sich sehr stark von denen des Deutschen. Das Deutsche bildet Nebensätze mittels der einleitenden Konjunktion (dass, weil etc.) und der Wortstellung (Verbletztstellung im Gegensatz zu Verbzweitstellung). Das Türkische bildet Nebensätze ohne einleitende Konjunktionen und mithilfe spezieller Endungen am Verb für Nebensätze.

 

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