11 Das Vietnamesische und das Chinesische

Tue Trinh

Auszüge

 

Zur Schrift des Vietnamesischen

Das im heutigen Vietnam verwendete Schriftsystem benutzt das lateinische Alphabet und funktioniert fast genauso wie das deutsche. (...) Chữ Quốc Ngữ ist die Schrift des heutigen Vietnams. (...)

Quốc Ngữ bedeutet ‚Nationalsprache‘ und chữ Quốc Ngữ ‚die Schrift für die Nationalsprache‘. Wir können also eine politische Absicht hinter dieser Benennung erkennen, und in der Tat war die moderne Schrift eng verknüpft mit Vietnams Kampf gegen die koloniale Herrschaft Frankreichs, die ungefähr 80 Jahre dauerte, vom späten 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts. (...) Zwei soziopolitische Bewegungen in der Geschichte Vietnams kön- nen hierzu als Illustrationen dienen. Die erste war die Gründung einer Schule, Đông Kinh Nghĩa Thục (‚Tonkinsche Freie Schule‘) genannt, durch eine Gruppe vietnamesischer Nationalisten, deren Ziel es war, ihre Landsleute aufzuklären. Die Schule bot Gratiskurse allen denjenigen an, die die moderne Schrift lernen wollten. Sie wurde schnell durch die Franzosen geschlossen, die die potenzielle Gefahr für ihre koloniale Macht erkannten. Die zweite Bewegung, Bình Dân Học Vụ (‚Volksbildung‘), war die erste Arbeit der ersten Regierung. Initiiert wurde sie durch Ho Chi Minhs Regierung, nachdem sie die Kontrolle des Landes im August 1945 übernommen hatte. Das Ziel war, gegen den Analphabetismus, der zum Staatsfeind personifiziert wurde, zu kämpfen.

 


Zu dem Tönen im Vietnamesischen

Um ein vietnamesisches Wort zu identifizieren, muss man andere Aspekte seiner Aussprache beschreiben, zum Beispiel welche Melodie es hat, ob es „knirschend“ ausgesprochen werden sollte etc. Diese zusätzlichen Merkmale fasst man unter dem Begriff Ton zusammen. Der Ton eines Wortes ist also die gesamte Information zur Aussprache, die für seine Identifikation notwendig ist, sich aber nicht aus seiner segmentalen Struktur ableiten lässt. Tonale Unterschiede sind in der Schrift durch Diakritika repräsentiert, das heißt durch die kleinen Markierungen, die über oder unter den Buchstaben geschrieben sind und die Sie überall in vietnamesischen Texten sehen.
Zur Illustration betrachten wir die folgenden Wörter: bán, ban, bàn, bãn, bản und bạn. Jedes dieser Wörter besteht aus einem b, gefolgt von einem a, gefolgt von einem n. (...) Sie unterscheiden sich aber im Bezug auf ihren Ton. Das erste, bán, wird mit steigender Intonation gesprochen, das heißt, die Tonhöhe steigt an. Das zweite, ban, und das dritte, bàn, werden mit flacher Intonation, das heißt mit keiner Tonhöhenänderung, gesprochen. Sie unterscheiden sich nur dadurch, dass ban eine höhere Tonhöhe hat als bàn. Das vierte, bãn, wird mit einem schnellen Kehlverschluss beim a ausgesprochen, als ob der Sprecher zu sprechen beginnt, dann etwas schluckt und das Sprechen wiederaufnimmt. Das Wort bản wird mit sehr tiefer Tonhöhe und mit ganz viel Atem gesprochen, als ob der Sprecher gerade einen Marathon beendet hätte. Das letzte, bạn, wird mit einer knirschenden Stimme gesprochen: Die Kehle wird so verengt, dass die Luft zwar durchgeht, aber die durch die Verengung verursachte Reibung ein Geräusch produziert, das dem beim Betreten eines alten Holzbodens ähnelt. Wichtig ist zu wissen, dass diese Formen unterschiedliche Wörter sind: bán bedeutet ‚verkaufen‘, ban ‚Ausschuss‘, bàn ‚Tisch‘, bản ‚Dorf‘, und bãn hat keine Bedeutung. Wir sehen also, dass Konsonanten und Vokale nicht alles sind, was zur Identifikation eines Wortes notwendig ist.

Cartoon Töne

 


Keine Flexion im Vietnamesischen

(...) Dies bringt uns zum nächsten Punkt: dem Fehlen von Flexion im Vietnamesischen. Was ist Flexion? Sie ist der Prozess, durch den ein Wort seine Form ändert. Zur Illustration betrachten wir die folgenden Sätze: (1) Ich kaufe Bier, (2) Du kaufst Bier, (3) Er kauft Bier. Intuitiv sind kaufe, kaufst und kauft drei verschiedene Formen eines Wortes. Diese Formen entstehen dadurch, dass das Verb flektiert (oder gebeugt) wird. Im Vietnamesischen flektieren die Verben nicht. Die Übersetzungen der drei obigen Sätze sind: (1) tôi mua bia ‚ich kaufe Bier‘, (2) mày mua bia ‚du kaufst Bier‘ und (3) nó mua bia ‚er kauft Bier‘. Das Verb mua flektiert überhaupt nicht, und dies gilt generell für alle Wörter des Vietnamesischen. (...) Jedes Wort im Vietnamesischen hat also eine und nur eine Form.

Auch keine Kasusveränderungen bei den Pronomen

tôi thích Hans
ich mag Hans

Hans thích tôi
Hans mag mich

 


Zur Wortbildung

Es gibt aber auch Wortbildungsprozesse im Vietnamesischen, die im Deutschen nicht zu finden sind, zum Beispiel die Reduplikation. Im Vietnamesischen kann ein neues Wort dadurch gebildet werden, dass ein Wort mit sich selbst oder mit einer ihm ähnlich klingenden Silbe kombiniert wird. Beispiele sind đêm ‚Nacht‘ und đêm đêm ‚jede Nacht‘, đỏ ‚rot‘ und đo đỏ ‚rötlich‘ sowie sặc ‚verschluckt‘ und sằng sặc ‚vor Lachen verschluckt‘.
Ein anderer Typ von komplexen Wörtern im Vietnamesischen, der meines Wissens im Deutschen nicht existiert, sind die Dvandvas. Dvandva bedeutet ‚Paar‘ im Sanskrit und wird zur Beschreibung dieses Worttypus benutzt, weil er im Sanskrit zu finden ist und zuerst von sanskritischen Grammatikern diskutiert und so bezeichnet wurde (siehe auch Abschnitt 13.1). Ein Beispiel von Dvandvas ist das Wort bố mẹ ‚Eltern‘, das aus bố ‚Vater‘ und mẹ ‚Mutter‘ besteht. (...) Andere Beispiele von Dvandvas sind ông bà ‚Großeltern‘(ông ‚Großvater‘ und ‚Großmutter‘), quần áo ‚Kleidung‘(quần ‚Hose‘ und áo ‚Hemd‘) und chân tay ‚Gliedmaßen‘(chân ‚Bein‘ und tay ‚Arm‘).
            Also ist ein Dvandva, das aus einem Nomen N1 und einem anderen Nomen N2 besteht, als Oberbegriff zu N1 und N2 zu betrachten: bố mẹ ‚Eltern‘ ist der Oberbegriff zu bố ‚Vater‘ und mẹ ‚Mutter‘. Wichtig ist zu bemerken, dass deutsche Wörter wie Hosenrock, die sogenannten Kopulativkomposita, keine Dvandvas in diesem Sinne sind, obwohl sie in einigen linguistischen Lehrbüchern als solche bezeichnet werden. Hosenrock ist kein Oberbegriff zu Hose und Rock: Hosenrock trifft auf Entitäten zu, die eine Hose und ein Rock sind, während der Oberbegriff zu Hose und Rock aber auf Entitäten zutreffen würde, die eine Hose oder ein Rock sind, genauso wie Eltern auf Entitäten zutrifft, die ein Vater oder eine Mutter sind. Der Satz Ich sehe keine Eltern bedeutet ja ‚ich sehe niemanden, der ein Vater oder eine Mutter ist‘. Der Satz Ich sehe keinen Hosenrock bedeutet aber ‚Ich sehe nichts, was eine Hose und ein Rock ist‘. Es scheint also, dass Deutsch tatsächlich keine linguistischen Konstruktionen hat, die den vietnamesischen Dvandvas entsprechen.

Rätsel

Das vietnamesische Wort für ‚Messer‘ ist dao und das für ‚Gabel‘ ist dĩa. Was glauben Sie ist die Bedeutung des Kompositums dao dĩa? Die Lösung finden Sie am Ende dieses Kapitels.

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