Forschungsthemen

Kindern sagt man: Sprich in ganzen Sätzen! Sätze sind in der Tat wichtige Bedeutungseinheiten, und die Satzsemantik entwickelt Theorien dafür, wie sich deren Bedeutung aus den Bedeutungen einzelner Wörter ergibt. Allerdings kann ein und derselbe Satz ganz Unterschiedliches ausdrücken. Die Jungs sind hier, geäußert von einem Vater, der die Geburtstagsgäste seiner Tochter erwartet, hat eine andere Bedeutung als der gleiche Satz gesprochen von einem Mafiachef, der gerade von einem Rivalen bedroht wird. Wodurch sich solche Unterschiede ergeben, ist eine Frage der linguistischen Pragmatik. Welcher Zusammenhang besteht zwischen den semantischen und den pragmatischen Prozessen bei der Bedeutungsbildung?

Die klassische Theorie der Pragmatik geht auf Arbeiten der Sprachphilosophen J. L. Austin, J. Searle und H. P. Grice zurück. Bei dieser Theorie sind die semantischen Prozesse strikt satzintern, die pragmatischen strikt satzextern. Was ein Satz meint, ergibt sich aus seiner wörtlichen Bedeutung und aus dem, was die Pragmatik daraus macht. Inzwischen wissen wir, dass die klassische Theorie in dieser Form nicht stimmen kann, da Pragmatik und Semantik sich gegenseitig beeinflussen. Aber es gibt bisher keine allgemein anerkannte Nachfolgetheorie. Wir beschäftigen uns in drei Gebieten mit Fragen, die für die Standardtheorie Probleme aufwerfen.

Im Teil Satzsemantik und Pragmatik beschäftigen wir uns mit Fällen, in denen die Grenze zwischen Semantik und Pragmatik nicht der klassischen Vorstellung entspricht. Nehmen wir die Frage Wie heißt sie wieder?: Hier drückt wieder nicht aus, dass sie ihren Namen mehrmals geändert hat, wie bei Sie heißt wieder Meier. Vielmehr wird gesagt, dass der Fragesteller ihren Namen schon einmal kannte, ihn dann vergessen hat und jetzt wieder wissen möchte. Damit aber greift wieder aus der Semantik heraus in die Pragmatik, denn es ist Teil der pragmatischen Bedeutung einer Frage, dass der Fragende die Antwort wissen möchte.

Der Teil Kompositionalität im Diskurs vergleicht die pragmatische Verknüpfung von Sätzen mit den semantischen Operationen, die Teilsätze zusammenfügen. Statt Nimm einen Schirm mit, denn es regnet kann man auch sagen: Nimm einen Schirm mit. Es regnet. Diese knappe Ausdrucksweise ist aber nicht immer möglich. Nimm einen Schirm mit, obwohl es jetzt nicht regnet kann man nicht verkürzen zu: Nimm einen Schirm mit. Es regnet jetzt nicht. Kausale Verknüpfer können weggelassen werden, adversative nicht. Warum?

Im Teil Spieltheoretische Rekonstruktion pragmatischer Phänomene geht es um eine Begründung der Regeln der Sprachverwendung im Rahmen der Spieltheorie, die mit großem Erfolg in den Wirtschaftswissenschaften und in der Verhaltensbiologie angewendet wird, um das ökonomische Verhalten von Menschen bzw. die Evolution sozialer Interaktion bei Tieren zu beschreiben. Auch beim Sprechen verhalten sich Menschen ökonomisch: Warum versteht man z. B. hundert Meter oft als ungenaue, siebenundneunzig Meter hingegen als präzise Maßangabe? Man kann dies ableiten aus der Bevorzugung von kurzen Ausdrücken seitens des Sprechers und allgemeineren Bedeutungen seitens des Hörers, welche Sprecher und Hörer mit einkalkulieren; in unserem Beispiel ist hundert kürzer, und die approximative Interpretation die allgemeinere.

Ziel des Programmbereichs ist die Erforschung der Verbindung zwischen der wörtlichen Bedeutung und allgemeinen Prinzipien, wie diese in konkreten sprachlichen Handlungen eingesetzt wird. Wir hoffen dabei insbesondere auch eine Brücke zur empirischen Kommunikationsforschung schlagen zu können.





Förderung

Förderzeitraum

2008-2013

Koordination

Prof. Dr. Manfred Krifka & PD Dr. Uli Sauerland